Reggae Under Attack  
     Paul Gilroy - There Ain't No Pink In The Union Jack  
  Text von Susanne Burg  
  Seit gut zwanzig Jahren äußert sich der schwarze Denker Paul Gilroy zum Zustand schwarzer Populärkultur, meist schriftlich, hin und wieder auch filmisch: In "The Darker Side of Black" (Regie: Isaac Julien, 1994) interviewen Gilroy und Julien den jungen Buju Banton zu "Boom Bye Bye" und Homophobie in der Dancehall. Paul Gilroy, geboren in London, arbeitet als Professor für African-American Studies an der Yale University. Zu seinen wichtigen Werken gehören “There Ain't no Black in the Union Jack: The Cultural Politics of Race and Nation” (1991) und vor allem "The Black Atlantic: Modernity and Double Consciousness" (1992). Hier beschreibt er schwarze Identität in Europa und der Neuen Welt als einen ständigen transatlantischen Austauschprozess. Paul Gilroy hat im Berliner Haus der Kulturen der Welt die Programmreihe "Black Atlantic" kuratiert mit Filmprogramm, Ausstellung und Konzerten. Susanne Burg hat ihn dort getroffen.

Das Programm heißt „Black Atlantic“. Dabei geht es um die kulturellen Verbindungslinien zwischen Afrika, Amerika und Europa. Warum ist es für Sie wichtig, diese Linien aufzuspüren, beispielsweise in der Musik?

Wenn man keinen historischen Kontext herstellt, wird Musik leicht zum Soundtrack. Für mich muss sie aber mehr sein als nur ein Soundtrack. Ich weiß, dass Unternehmen, die mit Multikulturalismus Geld verdienen, Musik gerne auf die Rolle eines Soundtracks reduzieren möchten. Ich aber kämpfe dagegen, weil mir Musik schon immer mehr bedeutet hat.

Wieviel kann ein historischer Kontext zur Diskussion um Homophobie im Dancehall-Reggae beitragen? Wie sollte man über Homophobie im Dancehall sprechen?

Wenn Jamaikaner ihre Musik im Multikulti-Geschäft verkaufen wollen, dann müssen sie sich nach bestimmten Spielregeln richten. Und wenn diese Regeln sagen: keine Homophobie, dann müssen sie damit umgehen. Ich glaube, das Ganze ist wirklich nicht viel komplexer. Wenn sich die Musiker in der Dancehall befinden, im Underground des armen, schwarzen Jamaikas, dann werden diese Fragen anders analysiert und gelöst. Es gibt eben lokale Unterschiede. Und während ich einerseits dagegen bin, Homophobie in Europa in der Popmusik zu feiern, bin ich mir andererseits völlig darüber im Klaren, dass meine Interpretation dieser Dinge durch den Ort, an dem ich lebe und meine Herkunft geprägt ist. Ich bin kein Jamaikaner. Wenn einige Kritiker aus der jamaikanischen Welt verschiedene Nuancen in die Debatte bringen, muss ich ihrer Interpretation den Vortritt lassen. Ich muss zugeben, dass sie vielleicht Recht haben, wenn sie sagen, dass der ganze Zusammenhang viel komplexer ist, dass das Konzept von Homophobie neu überdacht werden muss. Vielleicht ist der Begriff Homophobie auch zu einfach, um die Komplexität der Angelegenheit in Jamaika zu beleuchten. Aber wenn jemand hierher kommt und Platten verkauft, muss er sich nach den kommerziellen Regeln richten. Ich sehe nicht, wie man das vermeiden kann.

Kennen diese kommerziellen Regeln „race“? Kennt Geld eine Hautfarbe?

Manchmal. Und ich glaube, wir befinden uns gerade in einer solchen Phase. Schwarze Kultur bildet sich als ein Prestigeobjekt im Markt heraus. Das bedeutet nicht, dass es keinen Rassismus gibt. Das bedeutet nicht, dass die Hörer die Menschen mögen, die die Musik produzieren, dass sie am gleichen Ort mit ihnen sein wollen. Wenn man sich das Marketing und die Entwicklung anschaut, kann man sehen, wie Leute die Musik von ihren Machern trennen, um sie ohne direkten Kontakt mit ihnen konsumieren zu können. Dieser Konflikt geht weit zurück. Ich glaube, der Kampf gegen Rassismus wird sterben, damit das Kapital überleben kann. Und auch die Künstler akzeptieren das. Sie sagen, "wir wollen bezahlt werden", statt, "wir wollen keinen Rassismus in der Musikindustrie, auch wenn wir dann weniger Geld bekommen." Sie wollen Zugang zu den Dingen, die die Unternehmerwelt ihnen bieten kann. Sie sind bereit, eine Menge Rassismus in Kauf zu nehmen, beim Marketing, bei der Bildersprache, der Distribution, dem Auftritt. Sie führen die Fantasien einer nach Hautfarbe strukturierten Welt aus, um Geld zu verdienen. Und ich glaube, sie nehmen lieber das Geld, als die Möglichkeit auszuschlagen, diese Fantasien auszuleben.

Einigen Plattenfirmen hierzulande drohen derzeit Klagen wegen Volksverhetzung, weil sie Lieder mit homophoben Inhalten veröffentlichen.

Ich halte das für einen furchtbaren Fehler. Im Zuge des „War on Terror“ sind in England alte Gesetze aus dem 19. Jahrhundert wieder aus der Schublade gezogen worden, in denen es um die Anstiftung zu „unspezifischem Mord“ geht (statutes for incitement to non-specific murder). Sie sollen die juristische Handhabe bieten, mit bestimmten Mullahs fertig zu werden. Der erste Mullah, der in England aufgrund dieses Gesetzes für acht Jahre ins Gefängnis wanderte, war ein Ex-Jamaikaner, der sich in Saudi-Arabien dem Islam zugewandt hat. In vielen Gesetzgebungen ist es folgendermaßen: Wenn du jemanden zum Mord anstiftest, musst du einen Namen nennen, um dafür bestraft zu werden. Du musst sagen: „Töte diese Person. Töte Paul Gilroy.“ Wenn es nun aber kein namentlich genanntes Opfer gibt, finde ich es merkwürdig, dass das ein Verbrechen sein soll. Ich schaue mit Sorge auf eine Politik, die diese alten Gesetze wiederbelebt. Und auch auf eine Gruppe wie Outrage!, die die Anwendung dieser Gesetze fordert. Einige Leute, mit denen ich sonst nicht einer Meinung bin, sagen, der Enthusiasmus, mit dem diese Geschichte aufgedeckt wird, hat etwas mit Rassismus zu tun, und es fällt mir schwer, dem zu widersprechen. Ich würde den Forderungen von Outrage! etwas positiver gegenüber stehen, wenn sie gleichzeitig gegen Homophobie und Rassismus kämpfen würden. Aber sich erst jetzt in die Debatte um Rassismus einzumischen, lässt die Frage nach Arglist und Doppelmoral aufkommen.

Einige Schwarze in England sagen, dass Peter Tatchell von Outrage der Reggae-Kultur einen großen Schaden zufügt und dass die Leute das nicht hinnehmen werden. Sie weisen auch darauf hin, dass Frauenrechte und Rechte für Schwulen und Lesben selbst in England eine relativ neue Erscheinung sind. Und dass Veränderungen in Jamaika aus dem Inneren, aus dem Land selber kommen müssen und nicht per Dekret von außen verordnet werden können.

Ich weiß nicht, wo innen und wo außen ist. Ich glaube, Outrage! hat jedes Recht der Welt, auf Homophobie aufmerksam zu machen, zu Boykotts aufzufordern, Druck auf die Plattenfirmen auszuüben, die mit den Songs Geld verdienen. Ich habe kein Problem damit, aber ich habe sehr wohl ein Problem damit, wenn es um die Reaktivierung alter Gesetze geht, die zwar legal, aber doch sehr dubios sind. Besonders in der Frage des „War on Terror“ bin ich sehr besorgt, was das für die Menschen bedeuten könnte.

Was könnte es bedeuten?

Die freie Meinungsäußerung ist bereits sehr stark eingeschränkt. Und ich habe Angst vor einer weiteren Einschränkung. Ich glaube nicht, dass irgend jemand, einschließlich der Schwulenbewegung, von weiteren Beschränkungen profitiert.

Wie passt ‚political correctness‘ in die Diskussion? Hier in Deutschland haben sich einige Politiker eingeschaltet und gefordert, dass die Buju-Konzerte abgesagt werden, ohne dass sie sich mit der Musik auskennen.

So funktioniert Politik heute.

Ein Stichwort, in diesem Fall „Homophobie“, reicht, um über gut und schlecht zu entscheiden und zur Tat zu schreiten.

Das ist ein Problem. Ignoranz ist immer ein Problem. Identitätspolitik, egal, ob sie von Schwarzen oder Feministinnen kommt, kann nicht sehr gut mit Veränderung umgehen. Wir sind nicht sehr gut darin, Menschen Veränderung zuzugestehen. Ich weiß nicht, ob Buju Banton seine Ansichten geändert hat. Aber man kann seine Antwort auf den ursprünglichen Druck auf ihn so interpretieren, dass er darüber nachgedacht hat, was er geäußert hat. Wer weiß es mit Sicherheit? Ich glaube nur nicht, dass es fair ist, die Aussagen von vor zwölf Jahren so zu behandeln als seien sie von gestern. Es gibt in England eine Menge Politiker am rechten Ende des Spektrums, die gefährlich rassistisch sind und in der Vergangenheit mit brutalen Worten gefordert haben, Schwarze sollten das Land verlassen. Sie wurden nicht wegen Volksverhetzung angeklagt. Einige dieser Politiker sind jetzt in der konservativen Partei und heute sagen sie über das, was sie vor zwölf Jahren geäußert haben: „Das waren Jugendsünden, das habe ich gesagt, bevor ich es besser wusste.“ Ich bin jedoch der Meinung, wir sollten einheitliche Regeln haben.

Was die Popmusik angeht, wie steht es da mit einheitlichen Regeln? Wo ist es okay, Musikstücke zu verbieten und wo ist es nicht okay?

Ist „I shot the Sheriff“ ‚hate speech‘? Ist das Anstiftung zu „unspezifischem Mord“? Ich dachte, in Deutschland hätten die Menschen Angst davor, Kulturgüter auf den Scheiterhaufen zu werfen. Ich glaube, wir müssen damit sehr vorsichtig sein, egal wo wir leben.

Wann haben Sie zum ersten Mal „Boom Bye Bye“ wahrgenommen?

Ich habe einen Piratensender in London gehört und sie haben das Stück gespielt. Ich habe Isaac Julien angerufen und ihm gesagt: „Mach mal das Radio an. Hör dir an, was sie da spielen.“ Zu der Zeit hat sich Isaac ein Haus mit Sherry Smith geteilt. Sie ist eine Journalistin, die für eine schwul-lesbische Zeitung in London arbeitete. Ich glaube, dass die erste Welle der Kritik aus den Artikeln kam, die sie schrieb. Natürlich wussten wir von Homophobie in der Dancehall, aber ich war überrascht, dass eine Platte mit so deutlichen Texten so viel im Radio gespielt wurde. Die Kritiker von der Sorte eines Paul Tatchell machen jedoch einen Fehler: Sie sind überzeugt, dass es die Homophobie ist, die Songs so beliebt machen. Aber das ist unter Umständen gar nicht so. Bei „Boom Bye Bye“ war es der Ton seiner Stimme, der körnige Klang, die Struktur des Stückes. Das lassen diese Leute erst gar nicht zu. Die Art, wie sie ihre Kritik äußern, polarisiert, so dass letztendlich Leute Dinge verteidigen, die sie gar nicht verteidigen wollen. Das ist deprimierend.

Wie würden Sie jetzt, zehn Jahre nach „The Darker Side of Black“, einen Film über Homophobie machen?

Oh, ich würden keinen Film darüber machen. Das einzige, was ich im Augenblick interessant finde, ist, dass das jetzt alles wieder hoch kocht und recycelt wird. Warum ist das so? Ich glaube noch nicht einmal, dass es von J-FlAG kommt, auch wenn der Tod des schwulen Aktivisten Brian Williamson in Jamaika die Leute sehr schockiert hat. Aber ich glaube nicht, dass der Druck vom karibischen Ende der Kette kommt. Er kommt vom europäischen Ende.

 
     
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Text von Susanne Burg

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 06/04

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