Homophobie Hier  
     Der dritte Weg  
  Text von Olaf Karnik  
  Warum sind homophobe Lyrics in Deutschland ein Problem und als solches ein ewiger Wiedergänger? Weil das Problem bis heute in der deutschen Reggae-Szene nicht gelöst worden ist, sondern unter den Tisch gekehrt wurde und wird. Die Verdrängung des Problems hat vor allem eine Funktion – die Stabilisierung der Illusion einer Eins zu Eins-Aneignung von jamaikanischer Musik und Kultur in Deutschland. Unabhängig von den Wünschen der Verbände oder Künstler fordert Olaf Karnik in seinem Kommentar einen dritten, einen deutschen Weg und kommt zu einer provokanten Schlussfolgerung.

Ende August 2004 übernahm der Lesben- und Schwulenverband Deutschland die Regie, als er Auftrittsverbote für Buju Banton in einigen deutschen Konzertsälen durchsetzen konnte. Und das, kurz nachdem Beenie Man aufgrund homophober Texte von den MTV Awards ausgeschlossen und seine Videos und Tunes aus dem Rundfunk verbannt wurden. Die Aufregung in der Reggae-Szene (siehe Riddim-Forum) war groß, und wieder wurde eine schon oft angerissene Debatte hoch erhitzt. Die in der Reggae-Szene als autoritär, überzogen und unsensibel gegenüber jamaikanischer Kultur bezeichnete Reaktion des LSVD ist aber nur allzu legitim. Wo sich die deutsche Reggae-Szene nicht von selbst ausdrücklich von Homophobie distanziert, darf sie sich nicht wundern, wenn „Hasstexte“ betroffene Interessenverbände auf den Plan rufen. Es ist absolut nachvollziehbar, dass sich der LSVD, nachdem die Sache mit Beenie Man bekannt wurde, auf den nächstbesten Artist stürzt, dem er Homophobie in Songlyrics nachweisen kann und der zudem in Verdacht steht, in JA erst kürzlich an schwulenfeindlichen Übergriffen beteiligt gewesen zu sein. Genau das ist ja die Aufgabe solcher Verbände, damit schützen sie ihre Minderheiteninteressen. Das einzige, was man dem Verband vorwerfen könnte, wäre, dass entsprechende Reaktionen erst jetzt erfolgten bzw. dass nicht gleichermaßen auch das Oeuvre von Eminem, Kool Savas, Aggro Berlin und einigen Rock-, Gothic- oder Metal-Acts unter die Lupe genommen wird. „Der homosexuelle Mann sollte erschossen werden oder mit Säure übergossen, aufgehängt oder verbrannt werden“ – wem derartige Tötungsvorschläge zu Gehör kommen, hat alles Recht der Welt, sich mit rechtlichen Mitteln dagegen zur Wehr zu setzen. Und er hat auch das Recht, sich auszusuchen, an wem ein Exempel statuiert wird. Pech für Buju Banton – mag dieser sich auch mittlerweile von den 12 Jahre alten Lyrics distanzieren bzw. „Boom Bye Bye“ außerhalb Jamaikas nicht mehr aufführen.

Homophobie als Entertainment?

Homophobe Lyrics werden damit erklärt, dass die jamaikanische Kultur eben tief im alten Testament verwurzelt sei, bzw. dass Homophobie letztlich ein aufoktroyiertes Erbe der britischen Kolonisatoren sei. Beide Thesen zeichnen für das Geistesleben Jamaikas ein Bild talibanesker Zurückgebliebenheit, das der weltaufgeschlossenen Musik und unvergleichlichen Rasanz ihrer ästhetischen Innovationen entgegensteht. Viel eher lässt sich die gewaltige Akzeptanz von Battyboy-Tunes in JA (ca. 90 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung) wohl im Rahmen der Sound System Clash-Kultur mit ihren martialischen Metaphern (kill, bun, dead usw.) kontextualisieren: Homophobie als Entertainment, mit inselspezifischer Relevanz und sozial integrativer Funktion. Über die ganz realen Killings von Homosexuellen vor Ort kann die jamaikanische Schwulen- und Lesbenorganisation J-Flag dann noch so einige Liedchen singen...

No Island Is An Island

Es ist nicht die Absicht dieser Argumentation, der jamaikanischen Gesellschaft aus einer vermeintlich arroganten, post-kolonialistischen Perspektive universelle Werte vorzuschreiben oder die Achtung der Menschenrechte in der Dancehall einzufordern. Es geht einzig und allein um Probleme und Aporien beim Kulturtransfer von JA nach D. Was machen Battyboy-Tunes hier? Ob symbolisches Entertainment und/oder realer Mordaufruf – Capleton, Ele, Bounty, Beenie oder T.O.K. leben nicht im Busch oder Regenwald, sondern sind internationale Artists, sind medial mit der Welt verkabelt und längst Teil globalisierter Märkte. Insbesondere in Deutschland stoßen sie auf einen völlig anderen historischen Zusammenhang von Homophobie. Wie jeder weiß, wurden Battyboys im Dritten Reich tatsächlich verbrannt, ebenso wie diverse andere „Minderheiten“, Ethnien oder politisch Andersdenkende. Eine besondere Sensibilität im Rechtsnachfolger-Staat des Nazi-Massenmörder-Regimes ist also geboten und darf auch von ausländischen Künstlern eingefordert werden: Es geht nicht immer nur um „know your own his-story“ (wie es bei JA-Artists oft heißt), sondern vielleicht auch um „know other nation’s history“. Natürlich singen Artists das Zeug so lange, wie es die Leute hören wollen; so lange, wie es hierzulande beispielsweise als Teil von Roots & Culture, als Dancehall-Entertainment oder Reality Report akzeptiert wird. Dabei sitzt hier niemand wirklich im Zion Train, knallt bei Dances mit Knarren in den Himmel oder schlachtet Homos ab – was soll die anachronistische Hass-Botschaft also im Land von mehrheitlich gewollten Homo-Ehen, Schwangerschaftsabbrüchen und Christopher Street Day? Sie fungiert entweder als greller Exotismus oder wird tatsächlich insgeheim befürwortet. Dass JA-Artists in Deutschland von ihren Fans offen mit der Missbilligung von Battyboy-Tunes konfrontiert werden, ist leider die Ausnahme. Und deshalb dürfen die davon konkret Betroffenen auch ganz undifferenziert STOPP rufen und dabei (fälschlicherweise?) Buju Banton treffen.Dass es auch anders geht, berichtete David Rodigan im Jubiläums-Interview (Riddim 02/03) über Italien. Teile der dortigen Reggae-Szene, insbesondere in Rom, zeigen aufgrund ihres linken politischen Hintergrunds keine homophobe Toleranz und brüllen die Artists eben von der Bühne, wenn sie mit Battyman-Tunes ankommen. Wo bleiben hier die mehrheitlichen Buhrufe bei Battyman-Tunes im Capleton-Konzert? Wo finden sich Solidaritätsbekundungen mit Schwulen und Lesben unter Reggae-Fans? Wieder den Text nicht verstanden oder sowieso egal?

Stand Up For Your Rights

„Wer ‚Chi Chi Man’ spielt, bekennt sich zur Schwulenfeindlichkeit oder verabschiedet sich von jedem politischen Anspruch“ – so spitzte Oliver Schrader von Silly Walks im letzten Heft die Lage zu. Tatsächlich wäre eine Politisierung des Problems im deutschen Kontext dringend geboten. Nicht selten hat man erlebt, dass deutsche MCs von hiesigen Sound Systems erst in der Battyman-Runde beim Dance so richtig aufdrehen und dann verkünden, wem das nicht passe, der könne ja nachhause gehen. Es ist auch schon passiert, dass schwule Tänzer, in bester situationistischer Manier, einen Open Air Dance infiltrierten und dort die Podeste der GoGo-Girls erklommen, bis sie von dort wieder vertrieben wurden – zuerst mit aggressiven Battyboy Tunes, danach von der Muskelkraft der Ordnungskräfte. Genau hier hört der Spaß auf. Die Eins zu Eins-Aneignung jamaikanischer Standards wird extrem problematisch, wenn sie sich nicht mehr auf Methoden, Styles, Techniken, Ästhetik beschränkt, sondern, um der Authentizität willen, sogar reaktionärste Inhalte bejaht. Wer hier „Chi Chi Man“ tatsächlich so meint wie in Jamaika, verleugnet vor allem die eigene Geschichte: 20 Jahre als Reggae-Fan Gegenkultur gelebt und aufgebaut und dabei ganz den gesellschaftlichen und politischen Kontext der Spießer-BRD zu vergessen, der einst dazu motivierte, in „Stand Up For Your Rights“, „Legalize It“ oder „Bass Culture“ mehr zu hören als Musik. Tatsächlich entspringt die hier erst seit Ende der 70er Jahre existente Reggae-Interpretationskultur einem ähnlich gegenkulturellen Wurzelgeflecht wie die Schwulenkultur mit ihrer Minderheitenpolitik. Beide Szenen reklamierten eigene Werte innerhalb einer konservativen und repressiven Disziplinar-Gesellschaft – auf deren Ruinen heute CSD und Summer Jam gleichermaßen feiern.

Eins zu Eins ist unmöglich

Wenn es um Battyboy-Tunes geht, kann man nur über Hier diskutieren. Die von ihnen ausgelöste Kontroverse ist Symptom für die Unmöglichkeit authentischer kultureller Transfers. Im Gegensatz zu Ulli Güldner bin ich der Auffassung, dass kulturelle Transfers nie Eins zu Eins machbar sind und deshalb auch gar nicht eingefordert werden müssen. So sehr ich seine tiefen Einblicke in jamaikanische Kultur schätze, so problematisch ist der implizite Anspruch, es dieser gleich zu tun (siehe das Bashing deutscher Friede-Freude-Eierkuchen-Rastas in Riddim 05/04). Kulturelle Transfers basieren immer auf Missverständnissen, Illusionen und produktiven Umdeutungen – und dies zu kritisieren ist absurd. Gerade in der (auch von mir nicht unbedingt geschätzten) deutschen Rasta-Birkenstock-Hippie-Gemeinde manifestiert sich ja eine Wahrheit, nämlich: die Realität einer Rezeptionskultur, die auf Imagination, Missverständnis und lebensweltlicher Einpassung von JA(H) beruht, ja nur beruhen kann – da sie nicht (und hoffentlich nie!) unter ähnlichen politischen, sozialen und ökonomischen Umständen existieren muss. Und darüber muss man eigentlich froh sein, ansonsten wären Reggae-Fans hier ja ähnlich drauf wie Bobo Dreads oder Schwulenhasser in Jamaika.

Do The Reg-gay

Auch die vielleicht berechtigte Annahme, dass die Rechte von Schwulen und Lesben hier politisch längst durchgesetzt sind, mag deutsche Sound Systems dazu verleiten, ein pubertär-provokantes Spiel mit homophoben Tunes zu treiben. Man kann von den Angegriffenen jedoch nicht erwarten, dass sie derartige Differenzierungen nachvollziehen. Vielleicht sollten Schwule und Lesben es trotzdem tun, da die deutsche Reggae-Szene nun alles andere als gewalttätig ist. Wirksamer als die erzwungenen Auftrittsverbote für Buju Banton wären dann vielleicht überaffirmative Aktionen – z.B. massive Party-Infiltration von Dancehall-Veranstaltungen samt Regenbogen-Fahnen und zur Schau gestellter Homosexualität. Im Ernst: nur wenn sich Reggae- und Schwulen/Lesben-Szenen tatsächlich annäherten, austauschten und gemeinsam feierten, wäre die potentielle Konfrontation, die homophoben JA-Artists ideologisch nur recht sein kann, aufgehoben. Einschluss statt Ausschluss – im gemeinsamen Dance um das schwarze Schaf Battyboy-Tune schössen die homophoben Lyrics dann ins Leere. Sie würden nichts bedeuten, weil sich keiner mehr davon angesprochen fühlt.

 
     
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Viel interessanter fände ich noch die Fr... mehr
 
  Ich - keinemailedresse@vorhanden.hh
Guter Artikel, interessante Meinung, abe... mehr
 
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Text von Olaf Karnik

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 06/04

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