Groundation  
     Roots-Forward  
  Text von Jan Moritz  
  Am 2. Dezember 2004 gab es im Wuppertaler U-Club das bisher erste und zugleich einzige Deutschlandkonzert der kalifornischen Roots-Combo. Eine gute Gelegenheit für Frontmann, Sänger und Gitarrist Harrison Stafford sowie Keyboarder und Harmonika-Spieler Marcus Urani ein paar Dinge klarzustellen, die im unglücklichen ersten Riddim Artikel (Riddim 04/03) ihnen fälschlicherweise in den Mund gelegt wurden.

Harrison hat sich niemals abfällig über den Grad der consciousness von Artists wie Sizzla oder Capleton geäußert. Im Gegenteil: „Das ist totaler Blödsinn. Negative Aussagen über andere Menschen sind nicht meine Sache. Außerdem höre ich Sizzlas Musik zu Hause, ich liebe sie und bekomme Liebe von ihr.“ Der zweite Fehler war die Behauptung, Harrison glaube, er habe irgendwie „mehr Rastafari“ in sich, weil seine Eltern den Twelve Tribes angehören. „Ja meine Eltern gehören diesem Haus an. Nur sind sie jüdischen Glaubens und haben mit der gleichnamigen Rasta Gemeinschaft überhaupt nichts zu tun. Und wie bitte schön soll einer mehr Rasta in sich haben als ein anderer?! Es ist schrecklich, wenn dir jemand Wörter in den Mund legt.“ Noch bevor ich Harrison mit dem alten Artikel konfrontiere, ist dem Gesprächsverlauf nach klar, dass darin nicht seine Meinung wiedergegeben worden sein kann. Er selber nimmt es mit Gelassenheit: „Selbst in Amerika werden wir oft falsch zitiert und es gibt bestimmt eine Menge Probleme bei der Übersetzung. Ich kann mich an das Interview auch gar nicht mehr erinnern und dabei besitze ich ein außerordentliches Erinnerungsvermögen.“Nun denn, hier sind ein paar Fakten. Harrison kam schon mit fünf Jahren in Kontakt mit dem Roots Reggae der Siebziger. „Es war mein älterer Bruder, der das ganze Zeug damals hörte. Ich habe immer zu der Musik getanzt und bin halt hängen geblieben.“ Sein Vater arbeitete für eine große amerikanische Firma und hatte öfter in Kingston zu tun. Auf diesen Geschäftsreisen begleitete ihn Harrison und knüpfte so seine ersten Kontakte nach Jamaika, ehe er später alleine auf die Insel reiste. Nach Abschluss der Schule studierte er an der Sonoma State University Jazz und unterrichtete dort bis zum Frühjahr 2004 „History of Reggae Music“, den ersten Kurs dieser Art, der je an einer amerikanischen Universität angeboten wurde. Durch dieses Engagement und den Jazz-Studiengang lernten sich die meisten Mitglieder der Band kennen. Neben Harrison und Marcus gilt das auch für das dritte Gründungsmitglied, den Bassisten Ryan Newman. Die drei fanden sich ab 1998 im Proberaum ein, um zusammen zu jammen.

Marcus: „Am Anfang haben wir die alten Classics von Bob, Burning Spear, den Abyssinians und so gespielt. Je mehr wir sie durch Improvisationen veränderten, desto stärker wuchs unser eigener Style.“ Diesen eigenen Groundation-Style, der mittlerweile von acht bis dreizehn Musikern getragen wird, produzieren Harrison und Marcus gleich auch selbst.

Wie wichtig war die Ausbildung zum Jazz-Musiker für eure Art Reggae zu spielen?

Harrison: Jazz bildet das Fundament. Er erweitert dein Wissen, deine Fähigkeiten und wird Teil deines Vokabulars als Musiker. Das Improvisieren haben wir im Reggae wieder gefunden. Viele der älteren jamaikanischen Musiker haben ja auch einen Jazz-Hintergrund. Denke nur an die Alpha Boy School Tradition!

Marcus: Als Musiker bist du Teil eines Ganzen, daher ist es das gleiche Konzept. Wir hören einander zu, sprechen und korrespondieren mit unseren Instrumenten.

Habt ihr euch nicht für die vermeintlich einfachere Musikform entschieden?

Marcus: Das höre ich immer wieder: „Wozu hast du all das gelernt, wenn du jetzt doch nur Reggae spielst?“ Aber Musik ist ein Gespräch. Eines zwischen uns Musikern auf der Bühne und eines zwischen uns und dem Publikum. Was für ein Gespräch bevorzugst du? Ein hoch komplexes, intellektuell abgehobenes oder eines dem man eher bequem folgen kann?Harrison: Ich kann mit Roots Musik die Leute viel besser erreichen als mit Jazz. Das Publikum, das Roots mag, ist consciousness zugeneigter als bei vielen anderen Musikstilen. Außerdem braucht es Zeit, viel Zeit, so zusammenzuspielen wie wir. Es ist also nicht einfach.

Habt ihr eine Definition von der Musik, die ihr macht?

Harrison: Nein. Wir suchen keine formel für unsere Musik, denn wir wollen keine Hit-Musik machen. Wir versuchen, den Roots Reggae aus der Zeit vor MTV und den Label-Monopolisten in unsere heutige Sprache zu transformieren und weiterzuentwickeln. Dabei sind wir keine Botschafter oder so, sondern versuchen uns musikalisch, textlich und emotional stetig zu verbessern. Es gibt keine starren Regeln und auch wenn wir bisher bewusst auf digitale Hilfsmittel verzichtet haben, werden wir sie in Zukunft bestimmt mal einsetzen.

Marcus: Wir kämpfen für die Musik. Sie ist mehr als nur ein zu vermarktendes Produkt!

Wie entstehen eure Songs?

Harrison: Sie kommen einfach im richtigen Moment. Manchmal habe ich einige Ideen im Kopf, aber nie das ganze Stück. Es ist sehr offen und entsteht, während wir zusammen proben und spielen.

Marcus: Jedes Lied bleibt auch offen. Eine Studioaufnahme ist da eher wie ein eingefrorener Moment. Auf der Bühne ist es sogar noch offener. Wir spielen jedes Stück jedes mal ein wenig anders. Es gibt nicht einmal ein Set für das jeweilige Konzert. Pure Improvisation.

Harrison: Ja, selbst mein Gesang steht nicht immer fest, denn ich improvisiere sogar ihn. Das funktioniert natürlich nur, weil wir alle Originale sind. Niemand kann in der Band ausgetauscht oder ersetzt werden. Es gibt Vertrauen und Liebe zwischen jedem einzelnen Mitglied.

Welche Ambitionen habt ihr als Musiker?

Marcus: (lacht) Davon zu leben. Es ist nicht leicht als Musiker in den USA, wenn du neben dem Mainstream schwimmst. No easy Road! Aber die Musik hilft den Ärger zu überwinden. Sie ist Meditation und zugleich eine Reflexion unseres Lebens.

Harrison: Wir wollen Barrieren einreißen, um einen freien Raum zu schaffen. Einen Raum jenseits von Grenzen wie Hautfarbe, sozialer Stellung, jenseits welcher Grenzen auch immer. Musik gibt uns diesen freien Raum. Manchmal scheint ein Konzert die einzige Möglichkeit zu sein sich diesen Freiraum in den Staaten zu erkämpfen.“

Das Album „ We Free Again“ ist bereits bei Young Tree Records/Rough Trade erschienen.

 
     
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Text von Jan Moritz

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 01/05

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