Reggaeton in Puerto Rico  
     Kollision der Welten  
  Text von Sarah Bentley  
  Reggaeton, ein hybrides Latino-Genre aus Dancehall und HipHop, explodiert derzeit in ganz Mittelamerika und den USA. In den letzten zwei Jahren haben Dancehall-Artists wie Sean Paul, Elephant Man, T.O.K. und Sasha sowie die HipHopper Wycleff, Lil John und Noriega mit Reggaeton-Künstlern zusammengearbeitet. Obwohl das Genre gerade erst Mainstream-Beachtung erlangt hat, ist es bereits seit über zehn Jahren der Sound der puertoricanischen Jugend. Dies ist die Geschichte einer Straßenmusik, von der man lange Zeit nicht glaubte, dass sie jemals die Grenzen des Barrios, des puertoricanischen Ghettos verlassen könnte.

Es ist zwei Uhr nachts, die Tanzfläche im De Noise, der berüchtigte Ghetto-Club von DJ Negroe in der Altstadt von San Juan, ist voller Kids, die Latino-Style feiern. Der Dembow-Drumbeat – boom-ka-boom-ka, boom-ka-ka – der Rhythmus des Reggaeton, zwingt die Tanzwütigen auf den Dancefloor. Dies ist nicht der Ort für unbeholfenes Geplapper unter schüchternen Teenagern. Hierher kommt die hardcore Ghetto-Youth, um ihre Sorgen zu vergessen. Der Vibe ist sexuell aufgeladen und hochgradig ansteckend.

Versteinerte, meist in Crews auftretende Papies in tadelloser Sportswear und dunkelhäutige, langbeinige Mammies in gürtelbreiten Röcken und ebenso knappen Tops kippen Zombies in sich hinein – tödliche Cocktails aus verschiedenen Rumsorten, Fruchtsäften und Cola. Überall im Club halten sich Paare fest an den Taillen und reiben ihre Unterleiber aneinander, einige Männer bumpen von hinten gegen ihre Partnerin, die ihren Culo (Hintern) im Takt kreisen lässt. Einzelne Typen ziehen vielsagende Gesichter und tanzen, als ob sie ein imaginäres Pferd reiten. Dem Uneingeweihten mag diese Szene verdorben erscheinen, doch der Perreo, also sich im Doggy-Style aneinanderzureiben, gehört zu jeder ordentlichen Reggaeton-Party.Jose, ein 19-jähriger aus dem Sancturce-Gebiet von San Jose, erklärt das Perreo-Phänomen: „Das ist der Lambada des Reggaeton. Für Außenstehende mag es aussehen, als würden wir die Frauen erniedrigen, dabei sind sie es, die bestimmen, wie sexy ein Tanz wird. Wenn du die ganze Nacht mit einem Mädchen tanzt, kann es sich schon mal aufheizen und man tauscht Telefonnummern aus oder geht nach dem Club zusammen nachhause. Aber nur weil man gemeinsam tanzt, muss das nicht unbedingt im Bett enden. Es ist nur ein Tanz.“Sogar Tego Calderon, einer der gefeiertsten, für seine sozialkritischen und ausgeklügelten Lyrics bekannte Rapper, sagt: „Früher habe ich Reggaeton für einen Fake gehalten, doch dann habe ich mich in die Musik verliebt. Ich ging zu einer Party und hatte das Gefühl, ich würde mit sieben verschiedenen Frauen schlafen.“

Im Sommer 2004 schwappte die Reggaeton-Kultur über Amerika, der Sound dominierte die Dancefloors und den Äther von New York, Miami, LA und ganz Lateinamerika. Die große spanischsprachige Community in den USA spielte Reggaeton bereits seit Jahren in Underground-Clubs, doch erst jetzt kollaborieren US-Rapper mit Reggaeton-Acts und endlich machen auch Nicht-Latinos Bekanntschaft mit der Kultur.„Cullo“ von Pitbull und Lil John ist eine klassische US/Puerto Rico-Hymne, doch die erfolgreichste Vereinigung der Kulturen in Liedform ist „Oye Mi Canto“ von N.O.R.E., Nina Sky, Tego Calderon, Gemstarr und Daddy Yankee. Wyclef hatte sich für „In The Zone“ schon 2001 mit Ivy Queen, der toughen Lady des Reggaeton, zusammengetan, doch diese Zusammenarbeit war ihrer Zeit um einige Jahre voraus. Ivy’s Combination mit Sasha, dem Remix von „Dat Sexy Body“ von 2004, war da wesentlich erfolgreicher. 2003 begannen amerikanische Kids unabhängig ihres sozialen und ethnischen Backgrounds die Faszination des Perreo kennen zu lernen und die Kultur breitete sich aus. DJs merkten schnell, dass sich bei Reggaeton-Tunes die Tanzfläche füllte und bauten das Segment aus. Bekannte Mixtape-DJs wie DJ Buddha, Tony Touch oder DJ Camillo von Hot 97 integrierten zunehmend Reggaeton in ihre Selections. Für Urban Music bekannte Radiostationen wurden überhäuft mit Anfragen nach Reggaeton – inzwischen gibt es über 50 Sender, die ihr Programm zweisprachig, auf Englisch und auf Spanisch, ausstrahlen. Die Musik verkaufte sich so gut, dass die Reggae-Industrie eigene Charts forderte, da ihre Künstler durch die Reggaeton-Mania von den Top-Positionen verdrängt wurden.Und nicht nur in Amerika breitete sich der Sound aus. In ganz Spanien locken Reggaeton-Parties das Tanzvolk in Scharen an. Der puertoricanische Rapper Don Omar landete mit „Dale“ einen großen Clubhit, Daddy Yankee’s vielversprechendes „Gasolina“ – produziert von den Neptunes des Reggaeton, den Luny Tunes – chartete nicht nur in den USA und Lateinamerika, sondern auch in Spanien und fand sogar in Japan, England und Deutschland sein Publikum. Zuvor landete schon Yankee Lorna aus Panama einen Hit mit dem Reggaeton/Pop-Stück „Papi Chulo, das die Kultur jedoch genauso wenig repräsentiert wie Shaggy’s „It Wasn’t Me“ Dancehall verkörpert.

Reggaeton ist ein kulturell aufgeladener Sound, der Elemente aus Salsa, Bomba, Plena, Cumbia, HipHop und Dancehall vereint. Gemeinhin werden der panamesische Deejay El General und der puertoricanische Rapper Vico C als künstlerische Paten von Reggaeton gesehen. El General war einer der ersten, der in den späten 80ern spanischsprachigen Reggae veröffentlichte und mit Tunes wie „Te Ves Buena“ und „Tu Pun Pun“ auch außerhalb seines Einzugsgebiets Erfolg hatte. Ungefähr zeitgleich begann Vico C HipHop in spanischer Sprache zu produzieren. Beide waren besonders in Puerto Rico sehr angesagt, wo man bereits bestens mit US-HipHop von Public Enemy oder NWA sowie mit Dancehall von Ninja Man oder Shabba Ranks vertraut war und der Erfolg von spanischsprachigen Versionen dieser Spielarten fast unvermeidlich schien. Heutige Reggaeton-Stars wie Don Omar, Daddy Yankee, Javia oder Nicky Jamz begannen damit, über „geliehene“ Dancehall- und HipHop-Beats zu singen bzw. zu deejayen. Nicky Jamz sagt über diese Zeit: „Das war zwar der Anfang von Reggaeton, doch es war noch kein Reggaeton.“Per Definition ist heutiger Reggaeton bestimmt durch den boom-ka-boom-ka, boom-ka-ka Beat, den Dem Bow. „Dem Bow“ ist der Titel eines Dancehall-Hits von Shabba Ranks aus den frühen 90ern. Wie bei den Anfängen jedes Genres weiß auch bei Reggaeton niemand mehr genau, wer wann begann, den Dembow-Beat zu verwenden, doch jedes Label und sämtliche Artist-Camps haben heute eine eigene Fassung der Geschichte. Meine Lieblingsversion kam mir zu Ohren, als ich mit Daddy Yankee und dem inzwischen schon legendären Produzenten DJ Playero in Villa Kennedy abhänge. Villa Kennedy ist ein regierungsfinanziertes Wohnungsbauprojekt, in dem beide als Teenager lebten und begannen Musik zu machen. „Siehst du das Apartment dort drüben?“ Playero zeigt auf einen Balkon im dritten Stock eines heruntergekommenen Wohnblocks. „Da habe ich gewohnt. Ich hatte ein kleines Heimstudio, in dem ich HipHop produzierte, Dancehall, alles...“ Er unterbricht sich, um sein schlechtes Englisch zu verfluchen. „Ich habe dort viele Artists aufgenommen, Mixtapes zusammengestellt und sie auf der Straße verkauft. Eines Tages, 1994 oder 95, baute ich einen Track aus dem ‚Dem Bow’-Riddim. Ich nannte es ‚Riddim 34’. Die Künstler liebten ihn und ich voicte viele, viele Tunes darauf. Die Leute rissen mir das Mixtape regelrecht aus den Händen.“ Er grinst Yankee an, während er seine Geschichte zuende erzählt. „Wir waren einfach ein paar Typen, die gerne Bier tranken und Spaß hatten. Ich hätte nie erwartet, dass das mal so groß wird, dass mal Leute vom anderen Ende der Welt hierher kommen, um mit uns darüber zu reden.“

Über zehn Jahre fristete Reggaeton ein Nischendasein in den Barrios von Puerto Rico. Die puertoricanische Mittelklasse betrachtete die Musik als vulgär, Medien und Regierung versuchten sie unten zu halten, indem sie gemeinsam eine Anti-Reggaeton-Politik durchsetzten, die es per Gesetz verbot, Reggaeton im Radio und TV zu spielen oder im regulären Handel zu verkaufen. Wer Reggaeton im Auto spielte, wurde von der Polizei gestoppt, die Tapes wurden auf der Straße zertreten. Ivy Queen erzählt über diese Zeit: „Wir mussten durch die Hölle, doch wir gaben nicht auf und pushten die Musik so lange, bis die Leute sie respektierten. Am Ende hat es sich ausgezahlt, und ich bin stolz Teil dieser Geschichte zu sein.“Auf dem Höhepunkt der Anti-Reggaeton-Haltung wurde Ivy Queen in einen Streit mit der damaligen Präsidentin von Puerto Rico, Sila Calderon, verwickelt. „Sie sagte damals, wir seien alle verfaulte Äpfel. Doch nur weil du einen Korb siehst, heißt das nicht, dass alle Äpfel darin faul sind“, empört sich Ivy noch heute. „Die Lyrics sind stark. Wir rappen über das, was auf der Straße geschieht, das ist die Realität. Die Musik kommt aus den Herzen der Menschen, deswegen liebe ich sie so. Reggaeton ist wie HipHop. Darum hat es am Anfang diesen Aufschrei gegeben. Aber sieh dir an, wo Reggaeton heute steht. Es ist Teil des Mainstreams. Aber so ist das bei Musik, die von der Straße kommt. Die ältere Generation versteht nicht, was die jüngere macht. Das wird es immer geben.San Juan’s Barrios liefern den Heartbeat von Reggaeton. Die Jugend aus diesen Gebieten betrachtet Reggaeton als ihre Art zu leben. Zu jeder Zeit plärrt der Sound aus irgendeinem Wohnungsfenster, Auto oder von einem der vielen Mopeds. Immer hat irgendein Kid, das durch seine Nachbarschaft schlendert, die neuesten Reggaeton-Lyrics auf den Lippen. Doch am wichtigsten ist, die Barrio-Bewohner betrachten die Musik als etwas, das sie selbst erschaffen haben. Gabi, ein 24-jähriger Hustler, sagt: „Reggaeton ist unser Sound, der Sound der Armen. Es ist unsere Identität. Sie haben versucht, es aufzuhalten und sind gescheitert. Wir besitzen nicht viel, aber Reggaeton kann uns niemand wegnehmen.“ Gabis Nachbarschaft, El Gandyl, von Einheimischen in Anlehnung an die örtliche Bushaltestelle auch „Stop 15“ genannt, ist ein Barrio im großen Sancturce-Bezirk nahe des florierenden Touristenstrips Condada. Im Gegensatz zu Puerto Rico’s glamourösen, nach amerikanischem Vorbild gebauten Einkaufszentren ist El Gandyl ein anheimelnd schäbiges Wohngebiet. In kleinen Eckläden blüht ein tosender Handel mit Rum, Zigarren zum Selbstdrehen und frittiertem traditionell puertoricanischen Fastfood. Die Balkone der pastellfarbenen Häuserblocks sind von bemalten Eisengittern eingeschlossen. Ein zerbrochenes Neonschild bewirbt ein billiges Motel, das auch als Bordell herhalten muss. Über allem ragt ein leerstehendes, zwölfstöckiges Apartmenthaus, dessen pinkfarbener Anstrich nur noch zu erahnen ist. Wenn sie sich nicht als Drogen-Dealer verdingen, sind die Bewohner dieser Gegend bettelarm, die regierungseigenen Volksküchen, Schlafstätten und medizinischen Einrichtungen sind zu jeder Tag- und Nachtzeit ausgebucht. Kaum jemand leugnet, dass das Reggaeton-Geschäft vom Drogenhandel finanziert ist, ist es doch für die Mehrheit der Barrio-Communities die einzige Einnahmequelle überhaupt. Jedes Barrio hat seinen Drogen-Spot. Der von El Gandyl befindet sich in einem schmalen Durchgang hinter den Häusern an der Hauptstraße, wo am helllichten Tage Crack, Koks, Heroin und Gras feilgeboten werden. Die kleinsten verschließbaren Tütchen der Welt sind vollgestopft mit Gras im Wert von sechs US-Dollar, genug für drei bescheidene Spliffs. Koks, Crack und Heroin kommen in kleinen braunen Umschlägen oder in gefaltetem Zeitungspapier. Junge Mütter klönen angeregt in Espanol, während sie ihre Kinderwagen mitten durch diese Gaunereien schieben. Hagere, bewaffnete Typen in Unterhemden führen aufwendig gestochene, religiös angehauchte Tattoos neben Gang-Symbolen spazieren. Trotz der unbestreitbar angespannten Atmosphäre sind die Menschen freundlich, grüßen uns mit einem amüsierten „Hola“ oder sprechen uns direkt an: „Hey baby, where are you from?“ Auf jedem beliebigen Reggaeton-Album ist das Barrio deutlich zu hören. Die Artists singen nicht in Spanisch, sondern Boriquen, ein puertoricanisch-spanisches Kreol mit einem dem jamaikanischen Patois ähnlichen Rhythmus. Sound-Samples ahmen die Geräusche einer Knarre vom Laden bis zum Schuss nach. Obwohl Waffenverstöße in Puerto Rico schwer geahndet werden, sind Schüsse inzwischen ein akzeptierter Teil des Reggaeton-Sounds. Trivales, ein Reggaeton-Trio aus dem Süden von Puerto Rico, beschreiben es einfach als „Geräusch, dass man mit dem Computer einfügt. Man kann sogar bestimmen, welche Waffe in einem Track erklingen soll. Denn jede Waffe klingt anders. Manche funktionieren in einem Stück besser als andere. Wir haben zwar selbst nie eine Waffe besessen, doch in fast jedem unserer Songs hört man solche Schüsse. Das heizt den Leute im Club ein.“

In dem Wohnprojekt Residencial Luis Llorens Torres in San Juan leben Tausende in einheitlich gleichen dreistöckigen, gelb-babyblau gestrichenen Apartmentblocks. Die hier lebenden Menschen repräsentieren alle möglichen Braunschattierungen. Die Bandbreite der Hautfarben ist der hispanischen, afro-karibischen und taino-indianischen Herkunft der Puertoricaner geschuldet. Springende Kinder schlecken selbstgemachtes Wassereis. Umherfahrende Fleischwagen und stolzierende Polizisten mit aufgeblasener Brust bevölkern die Straße. „Viele Polizisten nehmen Steroide“, erzählt uns unser Taxifahrer Freddy. „Sie können nichts gegen die Drogen unternehmen. Sie tragen die Uniform nur, um die Mädchen zu beeindrucken. An den Straßenecken stehen Drogendealer jeden Alters, breithüftige Mamies, schwadronierende dickbäuchige Männer und abgemagerte, falkengesichtige Teenager. Ein hübsches mandeläugiges Mädchen mit einer großen, vom Crack hervorgerufenen Wunde am Mund eilt vorbei. Jede Woche werden in oder vor den Projects zahlreiche Menschen umgebracht, die genaue Zahl hängt davon ab, wen man fragt. Freddy behauptet: „Mindestens zehn im Monat sterben allein an diesem einen Eingang.“Im großen und ganzen ist die Community wie eine enge, sich gegenseitig unterstützende Familie, die Gewalt spielt sich hauptsächlich zwischen rivalisierenden Drogenkartellen oder zwischen Drogenkartellen und ihren Kunden ab. Wer seine Drogenschulden nicht bezahlt, wird gewöhnlich erst lautstark bedroht und dann blutig hingerichtet, um anderen zu zeigen, wie mit Zahlungsunwilligen umgegangen wird. Joolio, ein 22-jähriger aus dem nahegelegenen Margari-Barrio, erzählt uns: „Mein Freund wurde letzte Nacht mit 72 Einschüssen gefunden. Sie haben seinen Kopf weggeblasen. Er hat ihnen 2.000 US-Dollar geschuldet.“ Solche Geschichten enden meist mit einem nervösen „huah huah“, gefolgt von einer angespannten Stille.

Der 24-jährige Nicky Jamz bezeichnet sich selbst als „kontroversen Artist. Mein Name taucht ständig in den Nachrichten auf. Ich hatte zwei Babys außerhalb meiner Ehe. Ich war in einen Streit verwickelt und habe jemanden erschossen.“ Wie zum Beweis braust er mit seinem Panzer-artigen Hummer mitten über eine Verkehrsinsel und überfährt eine rote Ampel. „Wir haben alle Knarren, aber für meine habe ich sogar eine Lizenz“, und greift ins Handschuhfach, um sie uns zu zeigen. „Wir sind Amerikaner, also töten wir. Das ist normal. Wenn du ein Problem mit jemandem hast, bringst du ihn um. So denken viele hier.“Wenn man von seiner Schießwut absieht, ist Nicky ein redegewandter, lebhafter, äußerst talentierter Sänger, Rapper, Produzent und Songwriter. Sogar die faltige Rezeptionistin unseres keinen Guesthouse überrascht uns, als sie sagt: „Nicky Jamz ist mein Favorit. Ein sehr aufregender Typ, sehr talentiert.“ Nicky zog von Massachusetts nach Puerto Rico, als er neun war und kein Wort Spanisch sprach. Als er zehn war, rappte und sang er in „Ghetto-Spanisch“ über Dancehall- und HipHop-Beats, die in den frühen 90ern die Basis für Reggaeton bildeten. Nicky gibt zu, dass er nicht besonders gut war, aber „ich war süß, immer wenn ich eine Bühne betrat, schrieen die Mädchen vor Begeisterung.“„Pun Legahiset“ war sein erster Underground-Hit. Darin forderte er die Legalisierung von Reggaeton und verlangt von der Polizei, die Leute nicht mehr wegen ihrer Musik zu schikanieren. „Damals haben wir viel geflucht, wir waren ja richtig Untergrund. Alle Tunes drehten sich um Waffen, Drogen, Frauen, Partys. Darum drehte sich unser Leben, also haben wir darüber gesungen. Die Regierung wollte nicht anerkennen, dass das Leben der Barrio-Bewohner von diesen Themen bestimmt war. Deswegen waren sie all die Jahre hinter uns her. Doch dann wurde die Musik kommerzialisiert. Die Artists haben ein bisschen heruntergeschraubt, waren nicht mehr so extrem in ihrer Ausdrucksweise. Es ist immer noch real, aber wir drohen auf Platten nicht mehr damit jemanden umzubringen.“Das Büro von White Lion Records, ein unabhängiges Plattenlabel und musikalische Heimat von Tego Calderon, Zion Y Lennox, Voltio und Jarvia, befindet sich im angesagten alten Teil von San Juan. Die Straßen sind eng, die Architektur original erhalten, aufwendig bemalte Porzellankacheln dienen als Wegweiser. Boutiquen, Bars und Clubs brummen nur so vor einheimischen und touristischen Gästen. Die Mietpreise sind unerschwinglich. Die Geschäft müssen also gut laufen für White Lion.Beim Eintritt ins Büro bestätigt sich der große Erfolg von Reggaeton. Gutaussehende Assistentinnen mit glänzenden Lippen und manikürten Fingernägeln tippen geschäftig auf den Tastaturen ihrer Macs. Homies sprechen einen Tick zu laut in ihre Handys. Poster, Zeitungsausschnitte und Preise schmücken die Wände. Ricky Martins ex-Manager und Kenner des Geschäfts, Ricardo Cordero, ist der neue Chef des Labels. Seit November gehört auch ein Verlagsexperte zu dem Unternehmen. „Die Künstler haben Millionen verloren, weil sich niemand mit Verlagsrecht auskannte. Das können wir zwar nicht mehr rückgängig machen, aber wir müssen dafür sorgen, dass es in Zukunft besser läuft.“ Auch wenn White Lion noch unabhängig ist, wird hier wie bei einem Major gearbeitet. Label-Gründer Elias De Leon weilt derzeit in Miami, so dass Orlando Torres, ein alter Kinderfreund von Elias aus dem Carolina-Barrio, der seit den Anfängen von White Lion 1989 dabei ist, die Geschichte erzählen muss. „Wir waren Straßenkinder, die Musik liebten – HipHop, Dancehall. Niemand hier hat etwas für den Sound getan, es gab keine Basis für die Künstler. Also haben wir uns entschlossen die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und weil wir uns überhaupt nicht auskannten, sind wir es angegangen wie bei unseren täglichen Straßen-Geschäften. Inzwischen arbeiten zwar viele Leute aus dem Musik-Business für uns, aber die ursprüngliche Familie ist immer noch dabei. In Puerto Rico bleibt alles in der Familie.“Dieser Do It Yourself-Ansatz war das Fundament für die gesamte Reggaeton-Industrie. Major Labels wollten nichts damit zu tun haben, also mussten Leute aus dem Umfeld der Artists den Anfang machen, weswegen es heute so viele Reggaeton-Indies gibt – Pina, Imperio, Flow, Sellos Asociados, El Cartel, VI, um nur einige zu nennen. Diese Firmen haben bis zu 200.000 Exemplare einzelner Veröffentlichungen verkauft, und das ohne die üblichen Vertriebswege und Riesenmarketingetats, ohne die Majors glauben, nicht mal die Hälfte verkaufen zu können. Damit sich das Genre nun weltweit ausbreitet, sind Partner in Übersee nötig.Anthony Perez ist der Präsident des in Miami ansässigen Reggaeton-Labels Perfect Image und der Perfect Image Film & Video Production. Er war einer der ersten Nicht-Puertoricaner, die an Reggaeton glaubten und Verbindungen innerhalb der Szene herstellten, als sich niemand anders auch nur in die Nähe dieser Musik traute. Bei den Wurzeln des Genres ein schwieriges Unterfangen. „Es war nicht leicht Geschäftsverbindungen herzustellen“, erzählt Anthony rückblickend. „Deswegen blieb die Musik über zehn Jahre lang im Underground. Die Majors haben sich nicht getraut, mit den Drogendealern, die die Szene am Anfang bestimmt haben, ins Geschäft zu kommen.“Doch es wäre irreführend, ein durch und durch negatives Image von Reggaeton zu zeichnen. Auch wenn die Anfänge der Musik super hardcore waren, schreiben Artists inzwischen sehr wohl positive Lyrics, die den Barrio-Bewohnern Mut machen und sie zu einem rechtschaffenen Leben anregen. So ist der Rapper Eddie Dee vor allem bekannt für seine sozialkritischen Lyrics, die all die Unterlassungen und Verfehlungen der puertoricanischen Regierung angreifen. Ivy Queen singt über Gewalt in der Familie. Tito El Bambino drängt die Gangster, ihre Waffen niederzulegen und zu feiern, statt sich gegenseitig zu bekämpfen. Tego Calderon rappt über schwarze Identität und Selbstbewusstsein. Daddy Yankee ruft in einem Stück die Barrio-Bewohner dazu auf, sich nicht länger von Drogengeldern abhängig zu machen.Anthony sagt über die gegenwärtige Industrie: „Die Majors haben uns ins Gesicht gelacht, als wir vor zehn Jahren auf sie zugekommen sind. Und jetzt rennen sie uns die Türen ein. Inzwischen hat jeder sein eigenes Label und gut funktionierende Promotion-Netzwerke. Und die Leute nehmen ihren Job sehr ernst. Die Mühen der Anfangsjahre zahlen sich aus, wir haben unsere eigene Industrie und wir bestimmen, wie es weitergeht.“

Nach Jahren der Ablehnung wird Reggaeton inzwischen auch von der breiten Masse in Puerto Rico akzeptiert. Künstler wie Daddy Yankee sprechen im Radio zum ganzen Land. Prominente vollführen im Fernsehen Light-Versionen des Perreo für die ganze Familie. Tego Calderon macht Werbung für eine Bank. DJ Nelson’s Label Flow Music und The Perez Brothers verkaufen mit Flow Wear bzw. Perez Industries Reggaeton-Mode. Und das wichtigste Ereignis in dieser Hinsicht war wohl, als sich der Senat im März beim Latin Hop, Puerto Rico’s Musikmesse, gemeinsam mit Vertretern der Reggaeton-Industrie präsentierte.Einen wichtigen Beitrag für die Akzeptanz des Genres im eigenen Land leistet The Mix 107,7 FM, Puerto Rico’s erster Radiosender, der ausschließlich Reggaeton spielt. Das Programm ging 2000 auf Bestreben von DJ Coyote und seiner Multi Music Media Company auf Sendung. Coyote hatte bereits einige Stunden bei etwas liberaleren Stationen Reggaeton aufgelegt und war trotz aller Unkenrufe sehr zuversichtlich, was den Erfolg des Senders angeht. „Viele dachten, es gäbe gar nicht genug Musik, um 24/7 Reggaeton zu spielen“, erinnert sich Coyote in seinem Studio, wo er gerade seine allabendliche Show „Salpa Fuera“ beendet hat. „Die Leute auf der Straße wussten es natürlich besser. Reggaeton war überall. Die Medien waren überrascht, als der Sender drei Monate nach seiner Einführung die Nr. 1 im Land war. Aber mich hat das nicht gewundert, denn mir war klar, welche Power die Musik hat.“Nach den Einschaltquoten von The Mix gefragt, lacht Coyote. „Ich kenne keine genauen Zahlen, aber bei Viermillionen Einwohnern in Puerto Rico schätze ich, dass mindestens die Hälfte unseren Sender hört. Und dann kommen noch die Hörer außerhalb des Landes dazu. Wir müssen ständig die Kapazität unserer Website erhöhen, da sie andauernd unter dem Traffic zusammenbricht.“

Heute nacht findet in La Perla, einem berüchtigten Barrio an der Küste nahe der Altstadt von San Juan, ein Street Dance statt. Um in das Barrio zu gelangen, steigt man einen steilen Berg hinab, tritt durch einen großen Steinbogen und gelangt direkt an einen Drogen-Hotspot. „Was willst du, Baby?“ Ein zugedröhnter Dealer hält mir eine Pappschachtel mit allerlei Päckchen in unterschiedlichen Größen entgegen. Wir bahnen uns unseren Weg durch die zahllosen Rauschgifthändler und gelangen zur Party. Ungefähr 500 Kids bevölkern die Straße. Ein DJ legt die angesagten Reggaeton-Hits auf, während Natty Roots, eine Reggae-Band, ihr Equipment aufbaut. Anwohner beobachten mit ihren Familien das Treiben von ihren Balkonen. Der Vibe ist beschwingt, aber nicht so unbekümmert, wie wir es in den Reggaeton-Clubs erlebt haben. Der örtliche Area Don ist nervös, dass seine Drogendeals gestört werden könnten, also sind Handys und Kameras verboten. Solche Regeln erfährt man entweder durch Mundpropaganda oder auf die harte Tour – dann liegt das Telefon oder die Kamera zerbrochen am Boden.Eine Gang verrucht aussehender junger Typen lehnt an einer Wand nahe des Schnapsladens. Sie rauchen Zigaretten, ziehen Kokslinien von den Rücken ihrer Hände und verfallen zwischendurch immer wieder in den Reiter-artigen Tanz, wie wir es schon in den Clubs beobachtet haben. Einer von ihnen isst ein Stück Kokusnuss-Kuchen. Ich bin am verhungern. „Willst du ein Stück?“, fragt mich der Papi, als er meinen starrenden Blick bemerkt. Ich nehme sein Angebot dankend an und wir kommen ins Gespräch. Ich erzähle ihm von der Absicht meiner Reise.„Wow, du bringst Reggaeton nach Europa? Hey!“, ruft er seine Freunde herbei. Die Typen beenden ihr Posing und reden angeregt auf Spanisch. Ich schnappe nur Bruchstücke auf: „Gracias... Respect culture... Identity... Barrio.” Nach einigen Minuten unterbricht der Kuchenspender und wendet sich an mich: „Wir sind stolz, dass jemand vom anderen Ende der Welt unsere Musik mag, die Musik der Barrios. Schreib eine Geschichte über uns und erzähle der Welt davon.“

Reggaeton für Anfänger

Tempo – “Salvatore” (Racing Junior, 2004)Der Gangster Tempo, Puerto Rico’s kontroverser Reggaeton-Pate, sitzt seit Mitte der 90er im Gefängnis, von wo aus er nach wie vor Platten veröffentlicht.

Voltio – “Voltage” (White Lion Rec., 2004)Voltio wird von vielen wegen seines einzigartigen Flows als größtes Talent bezeichnet.

La Favela & DJ Buddha – “Presents Caribbean Connection Mixtape” (Paidout, 2004)Der Mixtape-Compiler präsentiert auf dieser CD das Beste aus Reggaeton, Dancehall und Soca.

Lunytunes – \"La Trayectoria\" (Flow Music, 2004)Die beiden Dominika-stämmigen Produzenten gelten als Neptunes des Reggaeton. Die CD versammelt einige ihrer größten Hits.

DJ Nelson – “Flow La Discoteka” (Flow Music, 2004)DJ Nelson droppt die Hits, mit denen er allwöchentlich seinen Flow Club in San Juan rockt.

Don Omar – “The Last Don” (Sellos Asociados, 2003)Für diese CD wurde Omar nicht nur als bester Künstler des Jahres ausgezeichnet, sie weilt bereits seit über 90 Wochen in den US-Charts.

Vico C – “Greatest Hits” (Sony, 1994)Puerto Rico’s Pate des spanischsprachigen HipHop – kein Reggaeton, aber ein wichtiger Vorläufer.

Ivy Queen – “Real” (Imperio Music, 2004)Die First Lady of Reggaeton. Der harte, agressive Flow macht Ivy zu einer starken Mamie. Die Lady Saw des Reggaeton.

Tego Calderon – “El Abayarde” (White Lion Rec., 2003)Held aller Underground-Heads, der conscious Tunes und Party-Songs mit einem gewissen Twist macht.

Nicky Jamz – “Vida Escante” (Pina Rec., 2004)Das letzte Album vom Bad Boy des Reggaeton, der vor allem für seine sexuell aufgeladenen Lyrics bekannt ist.

Wisin y Yandel – “Mi Vida My Life” (Lideres Ent. Group, 2003)Die „Dem Bow“-Version dieses Duos rockt noch immer die Clubs von San Juan.

Zion y Lennox – “Motivando A La Yal” (White Lion Rec., 2004)Das angesagteste Duo in Puerto Rico mit den Hits, die derzeit die Clubs und Straßen regieren.

 
     
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Dieser Artikel erschien in RIDDIM 03/05

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