Die G-Funkisierung von Dancehall  
     Stage Show No Carry No Autotune  
  Text von Pete Lilly  
  Strukturell ist bei den Deejays alles beim alten geblieben. Zwar konnten sich einige von ihrem Dasein als B-Seiten-Artist emanzipieren, nicht zuletzt, weil Beenie Man genug mit sich selbst, seiner Scheidung und dem Finanzamt zu tun hat, es Bounty Killer nach wie vor an durchschlagenden Hits fehlt und so eine Vakanz im Clash-Geschehen entstanden ist. Denn nach wie vor gilt: Nur wer andere durch den Kakao bzw. in den Dreck zieht, wird medial erhört.

Da werden plötzlich Fronten nach allen Seiten eröffnet und Vybz Kartel, Idonia, Busy Signal, Munga, Chino, Flexx, Deva Bratt u.v.a. buhlen im Namen von Alliance, Portmore Empire, Don Corleon und Big Ship um die Aufmerksamkeit der Massive und machen dabei unbewusst deutlich, dass es gar nicht mehr nur um sie, die Artists selbst geht, sondern um Camps, Gangs, Posses und andere Ersatzfamilien, zu denen sich scheinbar immer mehr auch Labels mausern.

So sind es vor allem deren Produzenten, die in den vergangenen Monaten für die echten Neuerungen gesorgt haben. Besonders augenfällig ist das bei Daseca, das Produzententrio, das zwar nicht im Alleingang – Stephen McGregor, Baby G und Don Corleon schlugen in eine ähnliche Kerbe –, aber am effektivsten mit darken Streichern, schweren Keyboardflächen und vertrackten Beats einen HipHop-Vibe erzeugt haben, der in seiner Düsterkeit am ehesten an die ersten Platten von Wu-Tang Clan und Nas erinnert. Ein wesentliches Merkmal der so gearteten Riddims ist der ungewöhnlich hohe Melodie-Anteil, den man in den letzten Jahren in der Dancehall vergeblich suchte. Man kann hier, um mal die Küste zu wechseln, auch von einer Dr. Dre-isierung von Dancehall sprechen.

Diese Eingängigkeit verlangt jedoch von den Artists – und das ist die Kehrseite –, dass sie nicht wie bisher drauflos schnattern, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sondern ihrer Stimme ebenfalls mehr Melodie abverlangen müssen, was nun mal nicht jedem Deejay in die Wiege gelegt ist. Die Folge ist der infaltionäre Einsatz von Auto Tune, eine Software zur Tonhöhenkorrektur, die selbst den schrägsten Vogel wie ein süßes R&B-Kehlchen klingen lässt. Bei Artists wie Gyptian, dessen Gesang diesen Cher- oder – für die jüngeren – T-Pain-Effekt gar nicht nötig hat, ist das nur ärgerlich, bei Leuten wie Munga, der einfach nicht singen kann, nervt es jedoch schnell und wird spätestens live zu einem echten Problem. Doch Dancehall wäre nicht Dancehall, wenn es nicht zu jedem Trend eine Counteraction gäbe.

So könnte etwa der Erfolg von Alborosie’s Back to the Roots-Formel als Reaktion auf die Veränderung in den derzeit angesagten Pro-Tools Studios zu verstehen sein. Was bei dem italienischen Multiinstrumentalisten jedoch schnell wie eine Masche wirkt, deren Lebensdauer abzuwarten bleibt, wurde von dem Saxophonisten Dean Fraser als Produzent der Alben von Tarrus Riley und Duane Stephenson zur Vollendung gebracht – auf „Parables“ und „From August Town“ feiert ein längst totgesagter Sound seine Auferstehung, der auf dem kommenden Luciano-Album „Jah Is My Navigator“ seine Fortsetzung finden wird.
Da wird gutes altes Handwerk gepflegt und dem Roots Reggae Tribut gezollt, ohne ihn einfach zu zitieren. Das live zu erleben wird eine wahre Wonne.

 
     
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Text von Pete Lilly

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 01/08

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