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     Ras Shiloh  
     Kultur-Konvertit  
  Text von Sarah Bentley  
  Er klingt wie Garnet Silk, kleidet sich Sizzla in jungen Jahren und gibt sich bescheiden und zurückhaltend wie ein Youth von Bobo Hill. Dabei stammen seine Eltern aus South Carolina und haben ihn in den rauen Straßen von Brooklyn großgezogen. Doch was Gentleman, Alborosie oder Collie Buddz können, kann Ras Shiloh schon lange.

Der 14-jährige Thomas Williams sitzt starr vor Aufregung auf dem Rücksitz, als sich das Auto langsam seinen Weg durch den Nachmittagsverkehr von Downtown Kingston bahnt. Er ist zum ersten mal in Jamaika – und wenn das noch nicht Grund genug ist aufgeregt zu sein, er ist auf dem Weg zu Tony Rebels Flame Studio, um sein großes Vorbild Garnet Silk zu treffen. Von allen Roots & Culture-Vertreten, die ihn beeinflusst haben, Peter Tosh, Burning Spear, The Abyssinians, war es Garnet Silk, der Ras Shiloh, wie er sich später nennt, am meisten inspiriert hat. Das wird nicht nur auf seinem neuen Album „Only King Selassie“ deutlich, sondern zieht sich durch seine gesamte Musik.

Seit er neun Jahre alt ist, einer Zeit also, als er in den berüchtigten Straßen von Bed Stuy in Brooklyn jederzeit hätte unter die Räder kommen können, saß er im Keller seines Elternhauses, um sich Silks Tunes wieder und wieder anzuhören. Als er später begann selbst Songs zu schreiben, überlegte er bei jedem Riddim, was Garnet wohl dazu eingefallen wäre. „Noch heute kommen mir die Tränen, wenn ich Garnet singen höre“, bekennt er sich zu seinem Vorbild.

Es war seine Mutter, der als erstes die Ähnlichkeit seiner Stimme zu der von Garnet Silk auffiel. Er selbst empfindet den naheliegenden Vergleich als Ehre, denn als Vorwurf, keinen eigenen Stil zu haben. „Es ist eine Sache zu sagen, du klingst wie jemand anders. Aber es ist doch das größte, selbst Lyrics zu schreiben und sein eigenes Ding zu machen. Denn genau das habe ich immer getan.“ Gleichzeitig hat er sich wegen der schon fast unheimlich anmutenden Ähnlichkeit der Stimmen verpflichtet gefühlt, Silks Fackel seit dessen Tod 1994 weiterzutragen. Auf Shilohs 2002er Album „From Rasta To You“ befindet sich das posthume Duett des Silk-Klassikers „Complain“, bei seinen Live-Shows singt Shiloh mindestens zwei Coverversionen. „Er ist nicht mehr unter uns, um sie selbst zu singen. Ich fühle mich von Gott auserwählt, sie an seiner Stelle zu performen.“

Ras Shiloh gehört zu den sträflich übersehenen Reggae-Perlen. Obwohl er seit 1997 immer wieder hohe Qualität auf Albumlänge veröffentlicht hat – „Ras Shiloh & Idrens Chant“ 1997, „Babylon You Doom“ 1998, „Listen Well“ 1999, „From Rasta To You“ 2002 und „Coming Home“ 2007 –, konnte er noch nicht den verdienten Hit landen, der ihn ins Reich der großen Modern Roots-Sänger katapultiert. Hätte er seine Karriere von Kingston aus gestartet statt in NewYork und wäre er etwas aufdringlicher in seinem Auftreten (bei Stageshows in Kingston sieht man ihn des öfteren, wie er sich die Konzerte mit dem Publikum ansieht, statt Backstage andere Artists so lange zu nerven, bis sie ihn zu sich auf die Bühne holen), er könnte heute schon viel weiter sein. Aber dann wäre er nicht Ras Shiloh.

Sein jüngstes, von King Jammys produziertes Album „Only King Selassie“ besteht aus unverwässerten Roots-Songs, deren fromme Energie zum Teil ähnlich upliftend ist wie die früher Roots-Väter. In einer Zeit, wo Deejays das Sagen haben und Qualität in Gimmicks, Prahlerei und haarsträubenden Hooklines gemessen wird, ist Ras Shiloh mit seinem unprätentiösen, einfachen Roots-Style geradezu erfrischend. Damit beschreitet er zwar nicht gerade musikalisches Neuland, doch es tut Kopf und Seele gut, ein Album endlich mal wieder zuhause durchhören zu können – wieder und wieder und wieder.

Der gebürtige New Yorker mit afroamerikanischen Wurzeln vollzog aus Liebe zur Musik eine Kulturkonversion, die ihn quasi zum inoffiziellen Ehrenjamaikaner gemacht hat. Schon als Kind faszinierte ihn alles Jamaikanische – Patty Shops, Rasta, Patois, Sound Systems... Noch heute erinnert er sich gerne an Auftritte von Veteran Artists auf lokalen Sounds oder daran, wie ihn Shabba Ranks losschickte einen Kasten Guiness zu kaufen und ihm dafür 50 $ zusteckte. Bereits mit zehn Jahren versuchte er sich erstmals als Deejays bei einem örtlichen Sound namens Bally International. „Damals hieß ich Big Man Youth, weil ich klein und etwas dicklich war.“

Seine Mutter hatte kein Problem damit, dass er sich mehr für eine fremde als für seine eigene Kultur interessierte, denn Reggae hatte einen positiven Einfluss auf ihn. „Statt brutalen Gangsta Rap zu hören war ich besessen von conscious Music. Und statt mich in Crack-Häusern rumzutreiben oder den neuesten Sneakern hinterherzujagen, schleppte ich Boxen für Sound Systems und versuchte mich schon früh als Artist.“ Mit 15 ließ er sich Dreads wachsen und fühlte sich in jamaikanischer Kultur so zuhause, dass er nicht nur Patois sprach, sondern auch in der Sprache dachte. Seit vier Jahren lebt er mit Frau und Tochter im ländlichen St- Catherine.

Während es Jamaikaner gewohnt sind, dass Tausende jedes Jahr die Insel verlassen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen, verzeichnet das Land mittlerweile auch einen steten Zuwachs durch Menschen, die sich in etwas verliebt haben, für das es nur eine schwammige Bezeichnung gibt: Vibes! Sie kommen aus Japan, Italien, Schweden, Israel, Deutschland... Statt wie anderswo Kolonien zu etablieren, wo man unter sich bleibt, assimilieren sich die meisten so weit, dass sie bald reden, gehen und denken wie Jamaikaner. Es ist heute eher die Norm als eine Ausnahme, in Kingston einem Japaner, Italiener oder Schweden zu begegnen, der fließend Patois spricht und je nach kultureller Vorliebe in Bobo-Gewändern gehüllt oder mit Dancehall-Accessoires behangen ist. Ras Shiloh kann mein Gefühl nachvollziehen, als weiße Engländerin regelmäßig „Heimweh“ nach Jamaika zu haben.

„Als ich das erste Mal von Jamaika zurückkehrte, wurde ich richtig depressiv. Ich konnte nur daran denken, wie und wann ich wieder dorthin kann. Man kann die Faszination, die Gefühle und Energie nicht mit Worten beschreiben. Wenn ich dort bin, fühle ich mich dem Allmächtigen näher. Deswegen kommt einem Jamaika oft wie das Paradies vor.“

Ist es nicht paradox, Jamaika angesichts einer der höchsten Mordraten weltweit und großer Armut als Paradies zu bezeichnen?
„Das alles ist natürlich hart“, gibt er zu. „Doch dadurch bleibst du auf dem Boden. In New York hast du alle möglichen Privilegien, kannst dir für fünf Dollar ein Paar Schuhe kaufen und deine ganze Familie damit ausstatten. Hier in Jamaika ist es anders, ich besitze nur noch ein einziges Paar mit durchgelaufenen Sohlen. Durch solche Dinge siehst du das Leben, wie es wirklich ist. Zehn Paar Sneakers machen dich nicht glücklich, eine Kokuspalme zu pflanzen und zwei Jahre später die erste Kokusnuss zu ernten, kann hingegen sehr wohl glücklich machen.“

Im Flames Studio beobachtet Shiloh stumm die älteren Artists bei ihrem Reasoning. Silk wirkt auf ihn genauso bescheiden und charismatisch, wie er es sich vorgestellt hat. Er hat eine Bibel bei sich, die er immer wieder öffnet und eine Passage daraus vorsingt. Als Shiloh ihm vorgestellt wird, strahlt Silk und scheint aufrichtig erfreut ihn kennen zu lernen. Er rät ihm: „Egal was du in deinem Leben tust, tue es von Herzen und Jah wird dich dafür segnen.“

Dieses Treffen vor 15 Jahren beeinflusst Shiloh bis zum heutigen Tag. „Ich werde seine Worte nie vergessen.“ Den conscious Vibes seines neuen Albums nach zu urteilen, scheint es, als trage er sie tatsächlich in seinem Herzen.

Das Album “Only King Selassie” ist bei Greensleeves/Rough Trade erschienen.

 
     
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Text von Sarah Bentley

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 01/08

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