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     Lucky Dube  
     How Long Shall They Kill Our Prophets...  
  Text von John Masouri  
  Der südafrikanische Reggae-Star Lucky Dube wurde am 18. Oktober in Johannesburg von vier Männern erschossen, als diese versuchten sein Auto zu stehlen. Der 43-jährige Sänger lässt seine Frau Zenele sowie sieben Kinder zurück: Bongi, Nonkululeko, Thokozani, Laura, Slyanda, Philani, und die gerade mal drei Monate alte Melokuhle. John Masouri gedenkt eines großen Artists.

Der tragische Überfall ereignete sich im Johannesburger Vorort Rosettenville, wo Lucky Dube gerade zwei seiner Söhne am Haus eines Verwandten abgesetzt hatte, als vier Männer seinen grauen Chrysler umstellten und von ihm verlangten auszusteigen. Als er sich weigerte, schossen sie dreimal auf ihn, woraufhin sein Auto einige Meter nach vorne gegen einen Baum rollte. Seine beiden Kinder, die alles mit ansahen, riefen sofort die Polizei, doch als diese eintraf, hing Dube bereits leblos über seinem Lenkrad. Seine Mörder waren geflohen, konnten jedoch drei Tage später von einer Spezialeinheit gestellt werden. Die vier zwischen 31 und 45 Jahre alten Männer, Sifiso Mlanga, Julius Gxowa, Thabo Mafoping und Mbofi Mabi, wurden mit zwei illegalen Pistolen, einer beträchtlichen Menge Munition sowie vier gestohlenen Autos gefasst und zwei Tage später vom Untersuchungsgericht wegen Mordes, versuchten Autodiebstahls und illegalen Waffenbesitzes angeklagt. Derzeit warten sie auf ihre Verhandlung, von der einige Jounrnalisten vor Ort annehmen, dass sie mit der Todesstrafe enden könnte.

Ivor Haarburger, seit 1981 Chef von Gallo Records, wo Lucky Dube während seiner gesamten Karriere unter Vertrag war, nannte den Tod seines Schützlings „eine echte Tragödie, nicht nur für Südafrikaner, sondern für ganz Afrika und den Rest der Welt.“ Der südafrikanische Kulturminister, Professor Keorapetse Kgosile, ging so weit, ihn als bedeutendste Stimme des Reggae zu bezeichnen, die Afrika je hervorgebracht hat. Tatsächlich war Lucky Dube der erste Sänger Afrikas, der Reggae auf dem schwarzen Kontinent verbreitete, besonders seit 1991, als er seinen ersten von mehreren Auftritten beim Reggae Sunsplash in Jamaika absolvierte.

Jamaikanischer Reggae befand sich gerade in der Bogle-Ära, Gun-Lyrics und Slackness standen auf der Tagesordnung, Riddims bestanden nur aus sparsamen Keyboard-Melodien und programmierten Drumbeats. Neben Headlinern wie Shabba Ranks und Ninjaman wirkte der Rastaman aus Südafrika mit seinen militanten, seinem Vorbild Peter Tosh nachempfunden Songs und traditionellen Reggae-Backings wie ein Anachronismus. So mitreißend sein Auftritt auch war, seine Musik stellte eine Rückkehr da in die Zeit, als Roots Rock Reggae angeführt von Bob Marley über den internationalen Musikmarkt hereinbrach und sich einen Ruf als radikale Protestmusik erspielte. Mit unwiderstehlichen Riddims verbreitete sie dringende soziale, politische und spirituelle Botschaften, die bei Menschen auf der ganzen Welt Anklang fanden, und Lucky Dube war da keine Ausnahme.

Als all dies geschah, lebte er noch in Osttransvaal (heute Mpumalanga), wo er am 3. August 1964 geboren wurde. Seine Mutter, die zuvor mehrere Fehlgeburten hatte, nannte ihn Lucky aus Erleichterung darüber, dass sie es endlich geschafft hatte, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Seinen Vater hat Lucky nie kennen gelernt. Und seine Mutter ließ ihn zusammen mit seinen Geschwistern Thandi und Patrick auf der Suche nach Arbeit früh bei seiner Großmutter zurück. Die konnte es sich nicht leisten die Kinder zur Schule zu schicken, so dass Lucky schon im Kindesalter für einige Jahre als Gärtner arbeitete, ehe er wieder zu seinen Klassenkameraden stoßen konnte, um Afrikaans zu lernen und dem Schulchor beizutreten, wo sein musikalisches Talent erstmals Nahrung erhielt.

Nachdem er eine Band namens Skyway gegründet hatte, schloss er sich seinen Cousins, den Love Brothers, an, ehe er sich mit 17 Jahren nach Johannesburg aufmachte, um unter dem Namen Lucky Dube & Supersoul sein Debütalbum aufzunehmen. Darauf spielte er noch Mbaqanga, eine Art Zulu-Pop, den er auch auf seinen nächsten fünf Alben pflegte, inklusive seines Sets „Kudala Ngikuncenga“ von 1982, das ihm den Durchbruch verschaffte. Damals war die rebellische Musik von Bob Marley, Peter Tosh und Burning Spear in Südafrika verboten.

„Es gab einige Alben von Leuten wie Jimmy Cliff als Kassette, aber an mehr war nicht zu denken“, erzählte mir Lucky 1999. „Andere Reggae-Platten wurden weder im Radio gespielt noch waren sie irgendwo offen zu kaufen. Im Gegensatz zu Jimmy Cliff, der sehr zugänglich war, waren die Roots-Artists zu militant. Man konnte ihre Platten lediglich in Swaziland und Zimbabwe finden, doch man musste höllisch aufpassen, dass man nicht von der Polizei mit dieser Musik erwischt wurde, sonst bekam man echte Probleme!“

Zusammen mit Freunden schmuggelte Lucky die Platten durch Straßensperren nach Südafrika, immer mit dem Risiko dafür verprügelt und eingesperrt zu werden. Es waren die Songs von Bob Marley und Peter Tosh, die ihn inspirierten, selbst offen über Ungerechtigkeiten in seiner Heimat zu sprechen. Nebenbei lernte er viel über Rastafari, auch wenn er selbst erst Jahre später begann Locks wachsen zu lassen – und selbst dann konnte er einige Glaubensgrundsätze nicht teilen.

„Wenn es bei Rasta darum geht, Dreadlocks zu tragen, Marihuana zu rauchen und an Haile Selassie als Gott zu glauben, dann bin ich kein Rasta. Wenn es aber um ein bestimmtes politisches, soziales und persönliches Bewusstsein geht, ja, dann ich bin ich einer.“

„Rasta Never Die“ von 1984 war nicht nur Lucky Dubes erstes Reggae-Album, sondern überhaupt das erste von einem afrikanischen Artist, doch es verkaufte sich schlecht im Vergleich zu seinen Mbaqanga-Veröffentlichungen. Neben einem unguten Gefühl seiner Bandmitglieder begegnete ihm auch Widerstand seitens seiner Plattenfirma und seiner Fans, die ihn dafür kritisierten, sein Kernpublikum im Stich zu lassen. Doch Lucky hegte die Hoffnung eines Tages ein breiteres Publikum zu erreichen, was mit Mbaqanga-Platten nicht möglich gewesen wä

re, da sie außerhalb südafrikanischer Zulu-Communities kaum Anklang fanden.„Reggae war immer schon meine Musik, schon lange vor ,Rasta Never Die', es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich ein Reggae-Album machen würde. Es war, als lernte ich eine neue Sprache. Doch es bedeutete auch neue Leute ins Boot zu holen, denn einige meiner alten Musiker taten sich schwer damit, andere weigerten sich meine neuen Songs zu spielen. Ich hatte schon zuvor einen Reggae-Tune für einen Film-Soundtrack aufgenommen, beließ es aber erst einmal dabei, da es nicht so schien, als gäbe es dafür eine Hörerschaft. Außerdem hatte ich die Polizei gegen mich, da ihr die Meinung nicht gefiel, die ich in dem Song zum Ausdruck brachte. Auch meine Plattenfirma war dagegen, da sie befürchten musste, auf meinen Alben sitzen zu bleiben.
Es war also nicht leicht, diesen Wechsel von Mbaqanga zu Reggae zu vollziehen. Fünf, sechs Jahre später wurde es in anderer Hinsicht problematisch, als ich anfing mir Dreadlocks wachsen zu lassen, denn ab sofort waren alle überzeugt, dass ich Marihuana rauche, überall auf der Welt. Niemand konnte sich vorstellen, dass jemand Dreads trägt, Reggae spielt und kein Ganjaman ist. Dauernd wurde ich von der Polizei angehalten und durchsucht. Im Grunde reichte es in Südafrika schon schwarz zu sein, um für einen Kriminellen gehalten zu werden. Doch seit ich Dreadlocks hatte, nahm das noch mal ganz neue Ausmaße an. Jedes Mal, wenn ich einen Laden betrat, folgte mir jemand. Es dauerte viele Jahre, bis die Menschen endlich begriffen, worum es mir ging.“

Mit Alben wie „Think About The Children“, „Slave“ und „Together As One“ konnte Lucky gegen Ende der 80er endlich das heimische Publikum für sich gewinnen und sogar die Aufmerksamkeit von Plattenfirmen und Tourveranstaltern in Übersee erregen, was schließlich zu seiner ersten Europa-Tour und zu dem bahnbrechenden Auftritt beim Reggae Sunsplash in Jamaika führte. „Prisoner“ wurde 1989 sogar mehrfach in Südafrika ausgezeichnet, vier Jahre später überschritt er mit „Victims“ sogar die Millionengrenze, was es im Reggae bis dahin noch nicht gegeben hatte. 1995 veröffentlichte er bei dem Motown-Sublabel Tabu sein vielleicht bestes Album „Trinity“, dessen Song „Affirmative Action“ über Quotenregelung für Schwarze bei der Jobvergabe erneut für reichlich Ärger sorgte, weil Lucky darauf bestand, dass die Qualifikation ausschlaggebend sein sollte, nicht die Hautfarbe.

„Den meisten Südafrikanern gefiel nicht, was ich in dem Song zu sagen hatte. Doch ich kann nicht anders als offen meine Meinung zu sagen. So bin ich nun mal, auch wenn es manchmal riskant ist. Wenn du über das Land, den Präsidenten oder über die Polizei singst und nicht das sagst, was sie gerne hören wollen, ist es wahrscheinlich, dass sie dich dafür jagen werden. Sie stellen sich vor, dass du darüber singst, wie toll alles bei uns in Afrika ist und wie glücklich wir sind. Aber so ist es nun mal nicht. Wenn du nicht bereit bist, das zu leugnen, was du mit deinen eigenen Augen siehst, dann musst du bereit sein die Kosten dafür zu zahlen. Deine Karriere wird darunter leiden und deine Platten werden schwer zu finden sein.“

Trotz all der Konsequenzen für seine Offenheit wurde Lucky ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Trinity“ in Afrika zum International Artist Of The Year gekürt. Etwa zur gleichen Zeit erweiterte er sein Betätigungsfeld um die Schauspielerei mit Hauptrollen in den Filmen „Getting Lucky“, „Voice In The Dark“ und „Lucky Strikes Back“. Sein letztes Album „Respect“ folgte unmittelbar nach seinem Auftritt beim Live 8-Konzert im Juli 2005 in Johannesburg, als ihm bereits der Ruf für die Integrität seiner musikalischen Vision vorauseilte und er als Elder Statesman des afrikanischen Roots Reggae galt.

Sein Tod fällt zusammen mit dem nationalen Jubel über Südafrikas Einzug ins finale der Rugby-Weltmeisterschaft. Viele Anrufer legten die Leitungen der örtlichen Radiostationen lahm aus Sorge um die steigenden Kriminalitätsraten. Eine Woche nach der Ermordung von Lucky Dube wurde auch die Gospelsängerin Zolile Ndyawe bei einem ähnlichen Fall von versuchtem Autodiebstahl erschossen, diesmal in Port Elizabeth. Doch die Schlagzeilen hatte bereits der Tod des ruhigen Rastas in Beschlag genommen, der selbst erst vor wenigen Wochen seinen Schwiegervater beerdigt hatte – in einem Sarg, den er mit seinen eigenen Händen gezimmert hatte. Lucky selbst wurde am 4. November in seiner Heimatstadt Newcastle in der Provinz Kwazulu Natal beigesetzt.

Als ich die Nachrichten aus Südafrika verfolge, denke ich zurück an mein Interview mit Lucky Dube, wo ich ihn fragte, ob er sich als internationales Aushängeschild in den Ghetto-Gebieten frei bewegen könne. „Ja, kann ich“, antwortete er, „aber es gibt immer Menschen, die mich mit Missgunst beäugen. Doch das geht anderen Menschen anderswo auf der Welt genauso, da bin ich nicht allein. Ich sehe das als normal an, denn ich kann nicht erwarten, dass sich alle mit mir über meinen Erfolg freuen. So ist es nun mal nicht, also muss ich mich damit abfinden, kein Problem...“

 
     
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Text von John Masouri

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 01/08

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