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     Jah Shaka  
     Spiritual Sound Warrior  
  Text von David Katz  
  Seine Dances gleichen eher religiösen Messen oder politischen Kundgebungen als reinen Vergnügungs-Events. Wie kein anderer erschafft er die Musik neu, die er allabendlich auf seine steinzeitlichen Plattenteller legt, in der Hoffnung, damit Leben oder zumindest Seelen retten zu können. Obwohl sich David Katz selbst zu den Shaka-Jüngern zählt, unternimmt er den Versuch, dem über 35 Jahre alten Phänomen auf den Grund zu gehen.

Zunächst beeindruckte mich vor allem die Atmosphäre. Inmitten mannshoher Lautsprecherwände standen dicht gedrängt verschwitzte Körper in einem dunklen Raum, einige von ihnen auf ihren Zehenspitzen, als sich Yami Bolos „Jah Made Them All“ seinen Weg durch die von Ganja-Schwaden verhangene Luft bahnte. Ich spürte eine gewisse Erwartungshaltung, konnte aber nicht recht sagen, worauf alle so gespannt waren. Obwohl der Song sofort zu erkennen war, hatte er kaum noch etwas mit der Version zu tun, die ich vom gleichnamigen Album kannte, es waren nur die Höhen zu hören – eine Gitarre, Keyboard-Sounds, Yamis unverwechselbare Stimme –, die rhythmische Basis schien nur noch als Echo durch den Mix zu geistern. Dann, ohne jede Vorwarnung, überwältigte der kleine Mann mit dem großen Tam meine Sinne, indem er mit einer mächtigen Handbewegung die Richtung des Sounds änderte, so dass plötzlich nur noch die Bässe zu hören waren. Menschen schrien auf vor Entzücken, als sich der donnernde Bass seinen Weg in ihren Brustkorb bahnte. Mit zusammengekniffenen Augen, das Mikro in der Hand, seinen Körper im Rhythmus wiegend, begann der Mann at the controls Lobpreisungen an Jah zu chanten, als bewege er sich in anderen Sphären.

Im Laufe der Nacht fanden noch viele weitere unglaubliche Tunes ihren Weg vom Plattenspieler in mein Bewusstsein. Mal waren es unbeschreibliche exklusive Dub Plates alter Favoriten wie „Very Well“ von den Wailing Souls, dann waren es neue Schätzchen aufstrebender, aber damals noch vollkommen unbekannter UK-Artists oder angesagte Dancehall-Tunes wie Junior Delgados „Ragamuffin Year“ – allesamt dank der unbegrenzten Möglichkeiten eines Equalizers in einer nie gehörten Art dargeboten. Das Audiospektrum und die Räumlichkeit des Sounds wurden ständig manipuliert, während die Songs immerfort mit massig Echo und Delay erweitert wurden, was die ganze Veranstaltung in ein Paralleluniversum katapultierte. Eine klangliche Offenbarung folgte der anderen und zum zweiten Mal in meinem Leben fühlte ich mich genötigt bis lange nach Sonnenaufgang zu tanzen, ständig in dem Gefühl einem wirklich großen Ereignis beizuwohnen.

In jener Nacht vor über 20 Jahren machte ich meine erste Begegnung mit dem Phänomen Jah Shaka, dem englischen Sound, der wie kein anderer für Roots & Culture steht. Erst wenige Jahre zuvor, 1982, war ich erstmals mit der Sound System-Kultur in Berührung gekommen, als Jack Ruby mit einer ganzen Crew an Sängern und Deejays in meine Gegend kam. Doch das war eine ganz andere Erfahrung als bei meinem ersten Shaka-Dance. Abgesehen davon, dass es bei der Jack Ruby-Session in erster Linie um die Auftritte der Artists (allen voran Bobby Culture und Lui Lepke) ging, während Shakas eigene Stimme am Mikro eher nebensächliches Beiwerk war, bestand der augenfälligste Unterschied darin, dass Jack Ruby die ganze thematische Bandbreite von Roots bis zu semi-slacken Beschreibungen romantischer Eroberungen abdeckte, wohingegen sich bei Jah Shaka die Message jedes einzelnen Tunes um spirituelle oder soziale Belange drehte, die Bedeutung von Unity betonte, das afrikanische Erbe hervorhob und/oder den Allmächtigen pries. Bei Shaka kam nichts Frivoles oder Profanes auf den Teller, einzig positive Sounds, deren Botschaft Shaka am Mikro noch unterstrich, während er sie live durch den Dub-Wolf drehte.

In den späten 1980ern wurde diese unwirkliche Realität eines Shaka-Dances ein regelmäßiger Teil meines Lebens. Alle paar Wochen hielt er eine Session in London ab. Das besondere daran war, dass sie nie gleich verliefen, da er sowohl die Auswahl als auch den Sound seiner Selection den akustischen Eigenarten des jeweiligen Veranstaltungsortes anpasste. Bei meinem Versuch, Reggae in all seinen Facetten zu verstehen, sowie bei meinen Nachforschungen zu Leben und Wirken von Lee Perry war es fast unmöglich, nicht bei Shaka hängen zu bleiben. Außerdem war eine gute Dosis Jah Music nach Wochen stumpfsinniger und schlecht bezahlter Büroarbeit immer überaus willkommen, zumal wenn sie so einzigartig präsentiert wird. Besonders gerne erinnere mich an eine Nacht im inzwischen geschlossenen Tropical Isle Club im Osten Londons, wo bei Sonnenaufgang die Türen aufgerissen und der Club in Tageslicht getaucht wurde – Shaka spielte bis weit nach zehn Uhr.

Tatsächlich ähnelten die Sessions einer religiösen Erfahrung, deren Spiritualität selbst denen nicht verborgen blieb, die sich selbst eher als ungläubig bezeichnen. In den frühen Tagen war Shakas Publikum größtenteils schwarz und bestand hauptsächlich aus Männern, unter die sich allerdings immer auch einige Rasta Sistren mischten, die eine persönliche Verbindung zu Shaka zu haben schienen und in einer Ecke des Clubs abtanzten. Und obwohl die meisten afrikanische Wurzeln hatten, wurde bei den Dances nie jemand ausgeschlossen – oft stand auf den Flyern: „How good and pleasant it is to see all nations come and hear Jah music”, und mit der Zeit kamen tatsächlich regelmäßig auffallend viele Besucher indischer Herkunft, die von Shaka so inspiriert waren, dass sie später mit Asian Sher ein eigenes Sound System ins Leben riefen. Dazu gesellten sich immer wieder japanische und natürlich jede Menge weiße Besucher. Shaka selbst war äußerst glücklich darüber, sah er doch alle Kinder Gottes als gleich an. Die Veröffentlichung des Debütalbums der Disciples – zwei englische Brüder aus Westlondon, die durch Shakas Einfluss begannen eigene Roots-Tunes zu produzieren – war eine Art Kickstart für die englische Roots-Szene, die in den 90ern mit bedeutende Platten von Jah Warrior, Aba Shanti I, Conscious Sounds und vielen anderen nachlegte.

Dass sich etwas derartiges aus den Dances eines einzelnen Sounds entwickelt, ist ganz im Sinne von Shakas Unity-Gedanken, der sich noch immer durch all seine Events zieht. Nicht ein einziges Mal habe ich je irgendeine Art von Aggression erlebt, obwohl dort immer wieder sehr merkwürdige Vögel anzutreffen waren, wie etwa diese zwei Muskelprotze, die ihren Oberkörper regelmäßig zu entblößen pflegten, um dann zur Musik Kung Fu-Flicks auf der Tanzfläche vorzuführen. Aber auch Reggae-Prominenz war ständig bei den Dances anzutreffen. Ich erinnere mich, dort einmal Yabby You in Trance gesehen zu haben, Dr. Alimentado und Earl Sixteen wurden des öfteren ausgemacht.

Zu den außergewöhnlichsten Sessions, derer ich Zeuge sein durfte, gehörte auch ein Soundclash gegen Fatman in einem merkwürdigen Gemeindezentrum über einer Shopping-Mall in Wood Green, Nordlondon. Obwohl es ein Heimspiel für Fatman war, er bestens mit Dub Plates bewaffnet war und mit U Brown einen schlagfertigen Gast-Deejay an seiner Seite hatte, er also eigentlich über Shaka hätte hinwegspazieren müssen, hatte er keine Schnitte. Jeder einzelne Tune wurde von Shaka ausgestochen, der wie immer allein mit einem Mikro in der Hand einen einzelnen steinzeitlichen Plattenspieler bediente.

Doch Shaka ist nicht nur Sound System-Operator, sondern auch Produzent, Musiker und Arrangeur. Bei manchen Sessions bediente er nicht nur sein eigentümliches Equipment, sondern trat auch live mit seiner Band, The Fasimbas, auf. Besonders eine Nacht ist mir in bester Erinnerung, als er im Moonshot Club in Deptford, Südlondon, erst mit seiner Band für die Twinkle Brothers eröffnete, um nach dem Konzert noch bis tief in die Nacht rare Schätze aufzulegen.

Gegen Mitte der 90er Jahre, als Shaka einen externen Manager anheuerte und anfing regelmäßig im Rocket, einem Venue an der North London University, aufzulegen, änderten sich die Atmosphäre. Die inzwischen eingeführten Visuals zur Komplementierung der Musik waren von Woche zu Woche die gleichen, auch Shakas Selections begannen sich immer mehr zu wiederholen. Das Publikum bestand mittlerweile fast ausschließlich aus weißen Studenten und Touristen vom Kontinent, von denen einige in ihrem Ecstasy-Rausch den Vibe erheblich störten. Aber das mögen auch Shaka-Jünger aus den 70ern gedacht haben, als ich zum ersten Mal einen seiner Dances besuchte. Für Shaka-Novizen waren seine Dances um 1995 wahrscheinlich immer noch genauso aufregend wie zur Zeit meiner Initiierung. Und schließlich bin auch ich weiterhin jede Woche ins Rocket gegangen, doch als die Reihe schließlich eingestellt wurde, fühlte es sich fast wie eine Erlösung an.

Obwohl ich dem Mann im Laufe der Jahre einige Male begegnet bin, bleibt er für mich immer noch ein Rätsel. Er hält nicht viel von Interviews und redet auch sonst, wenn er nicht gerade mit dem Mikro in der Hand am Plattenspieler steht, eher wenig. Es war also ein besonderes Privileg, als er einwilligte, an der Reggae University beim Rototom Sunsplash 2007 in Italien teilzunehmen und öffentlich über sich und seine Arbeit zu sprechen. Einige der folgenden Zitate stammen aus diesem Workshop.
Der Mann, der sich später in Anlehnung an den großen Zulu-König Jah Shaka nannte, wurde in den späten 1940er oder frühen 50er Jahren in dem kleinen Städtchen Chapleton im jamaikanischen Parish Clarendon geboren. „The Maytals, Freddie McGregor, Derrick Morgan, Barrington Levy stammen aus dieser Gegend“, sagt er stolz. „Das ist die Gegend, aus der Shaka stammt.“

1956 kam er mit seinen Eltern nach England, die sich im Südosten Londons niederließen. 1962 gründete er mit Schulfreunden eine Reggae-Band, ehe er mit dem örtlichen Sound System namens Freddie Cloudburst abzuhängen begann, von dem er sagt, es hätte hauptsächlich R&B und Soul aufgelegt. Sein eigenes Sound System, das von einem gewissen Metro gebaut wurde, startete Shaka in den frühen 70ern und machte sich schnell einen Namen mit Dub Plates von jamaikanischen Artists und Produzenten, die regelmäßig zwischen Jamaika und England pendelten, darunter Winston Edwards, ein Cousin des Produzenten Joe Gibbs, sowie Bunny Lee, Lee Perry, Twinkle Brothers, Al Campbell und die Abyssinians. Ein entscheidender Moment für Shaka war, als er 1976 gegen einen der führenden Sounds in England, Lloyd Coxsone, im Clash antrat und Coxsone den Dance abbrach, weil er einsehen musste, dass er verloren hatte. In den folgenden Jahren bis 1983 galt Jah Shaka als unangefochtener Champion, hatte außerdem als Produzent einige esoterische Dub- und Vocal-Alben auf seinem King Of The Zulu Tribe-Label veröffentlicht und spielte sich selbst in einer Gastrolle in dem Film „Babylon“ – natürlich in einem Sound Clash.

Seinem Selbstverständnis nach steht seine Arbeit in der Tradition der Überlebensstrategien seiner Vorfahren, er bezeichnet den Freiheitskampf der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung als Ursprung seines Sound Systems. „Am Anfang fühlten wir uns inspiriert von den großen schwarzen Führern, Menschen wie Haile Selassie I, Marcus Garvey, Malcolm X, Angela Davis, Steve Biko. Große Führer, die uns inspirierten, die Botschaft von Liebe und Einheit über die ganze Welt zu verbreiten. Früher hatten es schwarze Menschen in England sehr schwer, also mussten sie zusammenhalten, es ging um loving, sharing, caring... Es war wichtig, dass Menschen anderer Nationen diese Einheit erkannten, und sie spiegelt sich in der Musik wider. Es war die Musik, die den Menschen geholfen hat den Struggle durchzustehen, die Sklaverei, die Musik hat den Spirit der Menschen am Leben gehalten, die auf Schiffen in die Karibik entführt worden waren, nach Jamaika, dem Zentrum für die Bewegung 'Zurück nach Afrika'.“

Seiner „Commandments of Dub“-Serie aus der ersten Hälfte der 80er Jahre folgte eine Reihe von Kollaborationen mit Größen wie Aswad (ohne Sänger Brinsley) und Mad Professor. Ein Höhepunkt seiner Produzentenkarriere, „Dub Symphony“, erschien 1990 bei der Island-Tochter Mungo und deutete die unendlichen Möglichkeiten von Dub an. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Shaka bereits mehrmals nach Jamaika gereist, um mit Roots-Veteranen wie Willie Williams und Max Romeo sowie jungen Hoffnungen wie Icho Candy in King Tubby's legendärem Studio in Waterhouse aufzunehmen. Weiteres Material entstand in Gussie Clarkes Music Works Studio.

Zu dieser Zeit bereiste Shaka bereits die ganze Welt und trug seine Reggae-Version nach Europa, USA und Japan, außerdem half er Sozialprojekte in Afrika aufzubauen. Er besuchte Tansania, Kenia, Simbabwe und Ghana, wo er schließlich ein Grundstück kaufte und bis zum heutigen Tag an einer Stiftung zur Ausstattung von Krankenhäusern, Schulen und Radiostationen beteiligt ist und jugendliche Fußballmannschaften unterstützt. Für ihn ist die „Back To Africa“-Idee also nicht bloße Rhetorik, sondern ein Weg mit seinem musikalischen Talent etwas auf dem Kontinent seiner Vorfahren zu bewegen.

„Als wir 1956 nach England kamen, lebten dort noch nicht viele Schwarze“, erklärt Shaka. „Aber durch ihre Leistungen im Sport – sei es Cricket, Fußball oder Schwimmen – bekamen sie die verdiente Anerkennung. Deswegen unterstütze ich Menschen beim Sport. In Ghana habe ich drei Fußballmannschaften ins Leben gerufen, die ich mit Schuhen usw. ausstatte. Eine Mannschaft hat es sogar bis in die erste Liga geschafft. Meine Arbeit hat also etwas bewirkt. Einige Kids malen Bilder, Graffiti, auf eine Wand, dabei könnten sie der nächste Rembrandt sein, wenn ihnen nur jemand die Möglichkeit dazu gibt. Darum geht es mir: Menschen die Chance zu geben, über sich hinauszuwachsen.“

Im Jahr 2000 wurde Shaka bei einem Hausbrand schwer verletzt, was ihn jedoch trotz der langen Zeit, die er dadurch außer Gefecht gesetzt war, nicht entmutigte. Und das, obwohl er zur Finanzierung der nötigen Renovierungsarbeiten an seinem Haus so manches Dub Plate verkaufen und schnell zusammengeschusterte Compilation-Alben veröffentlichen musste. Doch trotz aller Rückschläge ist sein Sound so gut wie eh und je und bleibt ein einzigartiger Quell musikalischer Inspiration, die tief in der spirituellen Welt verankert ist. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben, sagt Shaka, habe er doch das Gefühl, dass er noch viel Arbeit vor sich hat.

„Als Jugendlicher wuchs ich in der Kirche auf, was der Grund dafür sein könnte, dass unsere Musik manchmal mit Gospel verglichen wird. Immerhin gibt es jede Menge Referenzen an den Allmächtigen, um die Menschen Gott näher zu bringen. Wenn wir beim Auflegen pro Nacht eine Seele retten können, haben wir einen guten Job gemacht. Es gibt einen Song aus einem anderen Genre, wo es heißt: 'Last night a DJ saved my life.' Das heißt, jemand war im Begriff etwas zu tun, doch weil er einen bestimmten Song hörte, war plötzlich alles anders. Darin liegt das Geheimnis von Musik.“

 
     
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Text von David Katz

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 01/08

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