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     Sizzla  
     Black Nation Building  
  Text von Ellen Köhlings & Pete Lilly  
  Obwohl er einige der einflussreichsten Platten der jüngeren Reggae-Geschichte gemacht hat, haben es seine Fans nicht immer leicht mit ihm. Es fällt schwer sich mit ihm zu identifizieren, weil er sich weigert, ein kohärentes, eindeutiges und nachvollziehbares Image abzugeben, dass sich als Projektionsfläche für eigene Vorstellungen von Righteousness eignet. Stattdessen hat er eine Widersprüchlichkeit kultiviert, die ihn nach außen hin ständig zwischen Genie und Wahnsinn oszillieren lässt. RIDDIM hat sich an des Widerspenstigen Zähmung versucht.

Ein Mensch kann unmöglich immer conscious sein. Und wenn ein Artist wie Sizzla permanent Songs aufnimmt und veröffentlicht, dann müssen darunter auch zwangsläufig welche sein, die sich mit anderen Dingen als Righteousness befassen.“DJ Sunshine

Rise To The Occasion II – Sizzla lässt sich spät hinter der Bühne blicken. Dabei ist heute sein Abend. Auf dem Parkplatz des Constant Spring Plaza, ein zwischen zwei hochragenden, marode und düster wirkenden, eher an Projects in der Bronx als an Kingston erinnernden Häuserwänden gelegenes Areal, findet heute ein Bash zu seinem 30. Earthday statt. Backstage wimmelt es vor Rasta-Artists, die sich mit Hennessey und Red Bull vergnügen, ehe einer nach dem anderen zum Sound von Caveman und Iniman auf die Bühne steigt, um dem Geburtstagskind und der noch recht spärlichen Massive ein Ständchen zu bringen. Sizzla, dem Anlass entsprechend feierlich in champagnerfarbenem Jackett mit Brokatbesatz, anthrazitfarbener Weste, passendem Turban und Designerjeans gekleidet, geht an seinen Künstlerkollegen vorbei, um eine Delegation Elders aus Bobo Hill zu begrüßen, die den Abend mit einem Gebet und anschließender Nyahbinghi-Session eröffnet haben. Wie die Heiligen Drei Könige stehen sie in vollem Ornat, prächtigen Roben, Zeptern, beeindruckend langen weißen Bärten mit gefalteten Händen abseits der Celebrities und beäugen das Geschehen aus der Ferne. Als Sizzla erscheint, erhellen sich ihre Minen, man weiß nicht genau, wer hier wem Respekt zollt.

Stone Love's 29th Anniversary – Alles ist auf dem Weg zur alljährlichen Sause im Mas Camp in New Kingston. Eine jamaikanische Freundin besteht darauf uns Sizzla vorzustellen. Beharrlich bahnt sie sich mit uns im Schlepptau ihren Weg durchs Gewühl in eine Seitenstraße, wo ein ganzer Fuhrpark aus knallfarbigen, frisch polierten Ferraris von gut 30 Bobo-Youths umstellt ist. Die anerkennenden Blicke der vorbeigehenden Dancehall-Fans sind ihnen gewiss. Sizzla schält sich aus dem Rücksitz eines roten Sportflitzers, als wir von unserer aufgeregten Freundin fast in seine Arme geschubst werden. Etwas desinteressiert reicht er uns die Hand, wir wechseln ein paar Worte, ehe er sich schnell wieder seiner Entourage zuwendet – zu verführerisch ist die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wird.

Zwei Begegnungen mit Sizzla die unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber lediglich für zwei Seiten einer Medaille stehen. Denn in erster Linie sind es Europäer, die einen krassen Widerspruch darin sehen, dass ein Rasta seinen Erfolg als Artist luxuriös auskostet, dass Glaube und Materialismus vereinbar sind. Überhaupt muss Sizzla immer wieder für den Kontrast zwischen Realität und den manchmal rigiden Erwartungen seiner Umwelt an einen Rasta gerade stehen. Zu Beginn seiner Karriere wird er mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert, nachdem er auf einer seiner frühen Singles „No White God“ mit Zeilen wie „Could the white God save me from white man oppression“ die rassistische Annahme, Gott müsse weiß sein, im Sinne Marcus Garveys infrage stellt und beim Sumfest 1998 übereifrig alle Weißen für die wirtschaftliche Misere der Schwarzen in Jamaika verantwortlich macht und sie verbal verbrennt. Später sehen viele das Rasta-Reinheitsgebot gefährdet, als er seinen Katalog um Slackness- und Gun-Tunes erweitert. Einige gehen gar so weit, ihm eine gespaltene Persönlichkeit nachzusagen.
Statt sich bescheiden und demütig zu geben, wie es sich für einen Bobo geziemt, lässt er sich keinen Maulkorb anlegen und wandert für seine Kraftausdrücke beim Eastfest 2004 sogar für einige Tage in den Knast. Für weitere Verwirrung bei seinen Fans sorgen Meldungen, die Sizzla mit Gang-Kriegen in seiner Community August Town in Verbindung bringen. Heikel wird es, als die Polizeisondereinheit Operation Kingfish im März 2005 bei einer Durchsuchung im Judgement Yard 13 Maschinengewehre sicherstellt.
Zeitgleich gerät er mit anderen Artists wegen homophober Lyrics ins Fadenkreuz der „Stop Murder Music“-Kampagne. Statt der von ihm geforderten Entschuldigung stellt er sich stur und antwortet mit „Rasta man nah apologize to no battyboy“ und wird mit Einreise- und Auftrittsverboten belegt. Nebenbei schüttelt er an die 40 Alben aus dem Ärmel, darunter einiges Vernachlässigenswertes, aber mit „Praise Ye Jah“, „Black Woman & Child“, „Da Real Thing“ oder „Soul Deep“ auch einige der besten Reggae-Alben überhaupt.

Genügend Zündstoff für eine ausgiebige Unterhaltung. Seit fast sieben Jahren bemühen wir uns um ein längeres Interview, doch Sizzla hat keinen Gesprächsbedarf. Letztlich ist es der Vermittlung eines gemeinsamen Freundes zu verdanken, dass wir vor dem letzten Auftritt seiner diesjährigen Europatournee in einem Hotelfoyer in Wuppertal auf ihn warten. Vergeblich. Kurz vor Showtime ist klar, dass es trotz einer Verabredung mit seinem Manager Fatis „Xterminator“ Burrell, der sich ausdrücklich Pünktlichkeit erbeten hat, heute wieder nichts gibt.
Widerwillig gucken wir uns das Konzert aus der letzten Reihe an, als sich Fatis mit Dackelblick entschuldigt und hoch & heilig verspricht, dass wir das Interview nach der Show bekommen. Damit hatten wir schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht, als wir 2002 einem ausgelaugten Sizzla gegenübersaßen, der uns Verschwörungstheorien und Allgemeinplätze ins Aufnahmegerät diktierte (siehe RIDDIM 03/02), ehe Fatis seinen Zögling nach 20 Minuten zum Dub Plate-Voicen abkommandierte. Doch diesmal scheint es Mr. Burrell ernst zu sein, er lässt selbst unserer Fahrgelegenheit, Julian „reggaephotos.de“ Schmidt, keine andere Wahl als sich die Nacht für uns um die Ohren zu schlagen. Wie erwartet haben sich etliche Soundboys im Hotelfoyer für eine Dub Plate-Session versammelt. Doch diesmal bekommen wir den Vorzug vor den Zusatzeinnahmen – Fatis’ einzige Bedingung: die Aussparung des Themas Homophobie.

Du bist bekannt für deine Skepsis gegenüber den Medien. Es gibt nur wenige längere Interviews mit dir. Auch wir versuchen schon seit einigen Jahren dich zum Sprechen zu bringen. Woher rührt dieses Misstrauen?
Viele Journalisten bringen meine Botschaft nicht richtig rüber. Klar, sie steckt bereits in meinen Songs, aber oft verbreiten sie falsche Informationen über mich. Deshalb halte ich es manchmal für klüger, mich aus den Medien rauszuhalten, es sei denn, ich promote eine Show oder es ergibt sich eine Gelegenheit wie diese. Pressearbeit ist aber auch Teil des Marketing, sonst bist du schnell aus den Augen, aus dem Sinn. Du musst eine Art Celebrity Lifestyle pflegen. Gleichzeitig musst du darauf achten, dass du nicht überpräsent bist, sonst will dich bald niemand mehr sehen. Deswegen halte ich mich meist bedeckt, konzentriere mich auf die Musik, meine Band, statt mir Dinge in den Mund legen zu lassen, die ich nicht gesagt habe.

Du hast es aber den Medien wie auch vielen deiner Hörer nicht immer leicht gemacht. Für viele ist es beispielsweise ein Widerspruch, wenn du deinen weitgehend auf Spiritualität, Rasta- und Black Consciousness ausgerichteten Songkatalog immer wieder mal mit etwas zu weltlichen Themen konterkarierst.
Grundsätzlich bin ich sehr spirituell und das möchte ich mit anderen Menschen teilen. Wenn ich hin und wieder etwas krassere Lyrics bringe, ein bisschen Gangsta Talk einstreue, dann nur deswegen, um die Stimmung ein wenig anzukurbeln. Denn wenn du auf die Bühne gehst, wollen die Leute diese Aufregung spüren, da kannst du nicht so dröge und langweilig daherkommen. Dafür musst du deine Lyrics ein bisschen aufpeppen, ohne den spirituellen Aspekt zu vernachlässigen.

Viele haben besonders an „Pump Up Her Pum Pum“ Anstoß genommen, weil ihnen vielleicht die Direktheit der jamaikanischen Sprache fremd ist. Du hast einmal gesagt, dass du keine Slackness Tunes machst, sondern Songs of Intimacy.
Es ist nun mal Realität: Wenn du keinen Sex mit einer Frau hast, werden keine Babys gezeugt. Damit es also ein für alle mal klar ist, (schreit) pump up her pum pum, don’t run from it! Das ist die Wahrheit, sonst würde es uns nicht geben. (Flüstert) Doch wir tun es hinter verschlossenen Türen, denn dieser Teil der Spiritualität ist eine private Angelegenheit. Ich sage lediglich auf eine amüsante Art, wie es ist und auch bleiben soll. Fertig, nächstes Stück! Kein Grund sich aufzuregen.

Wo du gerade von Privatheit sprichst... Du nimmst wie kaum ein anderer Artist Tunes wie am Fließband auf, die fast sämtliche Aspekte des Lebens abdecken – manchmal verhandelst du sogar in einem einzelnen Song viele verschiedene Themen. Ist es deine Absicht, dein eigenes Privatleben in all seinen Facetten öffentlich zu machen?
Musik wird nun mal öffentlich gespielt, aber mein Zugang ist natürlich ein privater. Die Frage ist doch, wie wir als Künstler die Herzen der Menschen erreichen können. Und das geht meiner Meinung nach nur mit Lobgesang oder Intimität, mit nichts anderem. Nur deshalb mache ich auch Songs wie „Pump Up Her Pum Pum“. Statt klar und deutlich zu sagen, we nah love no battyman, gehe ich es von der anderen Seite an und singe einen intimen Song – auch so weiß jeder, was ich meine. Das ist lediglich eine Strategie, meine Botschaft auch dort rüberzubringen, wo sie offen ausgesprochen den Kontext sprengen würde. Und dann muss man natürlich verstehen, wie in Jamaika Dancehall funktioniert.
Es sind die gleichen Leute, die zum Sunsplash kommen, um Lobgesang und cultural Songs zu hören, und einige Tage später zu einer Dancehall-Session gehen. Bei einer conscious Show musst du genauso überzeugen, wie bei einer Gangsta-Show oder einem Dance, wo die Gyals ihre latest Fashion vorführen. Mir egal, Hauptsache ich höre keine Buhs oder muss in der Zeitung lesen, Sizzla sei gefloppt. Ich will immer als Gewinner hervorgehen. Bei einer Show wie heute Abend weiß ich, I have to just keep it clean. Bei einer Gangsta-Show in Jamaika erwartet man von dir, dass du härter rüberkommst. Bei anderen Shows musst du dafür sorgen, dass sich die Ladies gut fühlen und dazu musst du auch schon mal expliziter werden. Sonst heißt es, (spricht mit hoher Stimme) Sizzla hat nichts über Girls gesungen, ist er etwa eine Schwuchtel? Dann gibt es diese Back To School-Partys, das ist noch mal was ganz anderes. Dort gibt es keine Bad Words, keine Gun Finger, nur (singt mit unschuldiger Stimme) „Thank You Mama“, „Praise Ye Jah“, „Black Woman And Child“, die ganze Palette... Außerhalb Jamaikas werden diese Unterschiede nicht immer wahrgenommen. Und das ist nicht mal ein Widerspruch, so ticken wir nun mal. Selbst wenn wir singen, kill Battyman, dann ziehen wir nicht los und bringen Menschen um. Das ist kein Aufruf zur Gewalt. Sonst würden wir uns auf die Seite des Teufels schlagen. Doch die Bibel sagt, Homosexualität ist falsch, es ist ein Fluch. Wir können es nicht hinnehmen, dass kleine Jungs vergewaltigt werden, genauso wenig dass minderjährige Mädchen missbraucht werden.
Diese Themen brennen den Menschen unter den Nägeln und wenn sie ihre Wut darüber nicht bei einer Stageshow oder einem Dance ausleben könnten, würde das ganze Land verrückt spielen. Wenn ich solche Themen in meinen Songs anspreche und alle mit einsteigen, dann ist das wie eine Warnung sich zusammenzureißen und auf dem rechten Weg zu bleiben. Es geht darum Regeln des menschlichen Zusammenlebens zu vermitteln. Ich sehe mich in der Bobo Shanti-Tradition von Prophet, Priester und König. Ohne Propheten gibt es keine Vision; ohne Priester wissen die Menschen nicht, wie man betet und Demut zeigt; ohne König wissen sie nicht, wie man seinen Mann steht und Verantwortung übernimmt. Im Sinne von Seiner Majestät, Marcus Garvey, Prince Emmanuel versuche ich als Beispiel voranzugehen, um in diesen Zeiten den Menschen eine Orientierungshilfe zu geben.

Es gab aber auch Zeiten, als Menschen in dir eher einen schlechten Einfluss gesehen haben. In deiner Community August Town gipfelte 2004 eine langjährige Fehde zwischen Judgement Yard (ein größeres Areal an der August Town Road, wo Sizzla mit seiner Familie noch immer seinen Hauptwohnsitz hat und eine Art Community Center und Rasta Camp unterhält, dem viele Youths aus der Umgebung angehören) und Jungle 12, Vietnam und River (Gebiete in August Town) in einer Welle der Gewalt, die mehrere Tote zur Folge hatte. Die Bewohner von August Town verlangten bei einer Demonstration, dass du innerhalb von 24 Stunden die Gegend verlässt.
Man kann nicht die ganze Community für diesen Gewaltausbruch verantwortlich machen, sondern lediglich eine kleine Gruppe, die eine der beiden politischen Parteien unterstützt. Und da ich einen großen spirituellen Einfluss auf die Jugendlichen dort habe, wollten sie mich loswerden, damit die Politiker sie auf ihre Seite ziehen können. Bei uns dreht sich alles um Jah Jah und wenn die Politik versucht ihren Einfluss geltend zu machen, dann hält Rasta mit geballten Vibes dagegen – we bun it out. Deswegen versuchen Politiker immer wieder uns kleine Fallen zu stellen, um uns aus dem Weg zu räumen. Wir repräsentieren den King, wir unterstehen dem Allmächtigen. Babylon versucht Gott die Menschen zu stehlen. Wenn Babylon also einem Diener Gottes begegnet, versucht es ihn zu Fall zu bringen, um ihm seine Schafe zu stehlen. Sie schmieden Intrigen, feuern ein paar Schüsse ab und sagen, Sizzla war’s. Sie sind mächtig, haben Zugang zu den Medien und den gesellschaftlichen Institutionen.
Alles, was ich machen kann, ist bei meiner nächsten Stageshow (die Sizzla regelmäßig im Judgement Yard veranstaltet), den Leuten meine Sicht der Dinge zu erklären, ihnen die Wahrheit vor Augen zu halten. Wenn sie dann bei der nächsten Wahl immer noch für A oder B stimmen wollen, ist das ihre Sache. Aber wenn ich einmal vor ihnen auf der Bühne stehe und sie sich zu Jah bekennen, sind sie wie ein geeintes Volk. Die beiden politischen Parteien versuchen das Volk zu entzweien, kleiden sie in unterschiedliche Farben und hetzen sie gegeneinander auf. Wenn wir zu einer Bühnenshow laden, kommen sie zusammen und sehen, dass es auch anders geht. Sie sehen, wie respektvoll und ehrfürchtig wir miteinander umgehen, uns gegenseitig segnen, die Bibel lesen und beten. Dann rufen selbst die Baldheads „Rastafari!“ Dann erkennen sie die Söhne Davids in uns.

Aber wie ist es dann zu den Schießereien im oder am Judgement Yard gekommen?
Nicht jeder liebt uns, nicht jeder hasst uns. Wenn so etwas passiert, heißt das nicht, dass Judgement Yard etwas damit zu tun haben muss. Aber es ist leicht, meinen Namen damit in Verbindung zu bringen, denn jeder kennt mich. Leute gehen vorbei und feuern Schüsse ab, um dir Angst einzujagen. Manche unterstellen sich den Parteien. Ihnen sage ich, erhebt euch nicht für einen Politiker, einen Premierminister, eine Partei über den King. Was ist ein Premierminister im Vergleich zu einem König? Die Politik sorgt dafür, dass sich die Menschen gegenseitig umbringen. Daher wählen wir einen anderen Weg und preisen den König. Wenn euch das nicht gefällt, gut. Deshalb werden wir euch nicht gleich mit Steinen bewerfen. Wir werden euch lediglich sagen, wo ihr falsch liegt. Auf jeden Fall werde ich nicht mit euch fool fool People zur Hölle fahren, nur weil ihr Rechtschaffenheit nicht erkennt. (Singt) „I will not go with you to hell... (klatsch, klatsch) I am on my way to Mount Zion…” Viele careless Ethiopians werden untergehen. Bob Marley sagte, „Many more will have to suffer, many more will have to die, don’t ask me why.” Warum? (Schreit) Weil ihr starrköpfig seid! Aber sie schießen nicht nur auf uns, sie haben auf Bob Marley geschossen, auf Peter Tosh, auf alle großen Männer. Babylon mag es einfach nicht, wenn wir Liebe predigen und Babylon verbrennen. Wir schießen auf niemanden, aber wir lassen uns auch nicht vorführen.

Du meinst also, dass sie versucht haben dich zum Sündenbock zu machen, als im März 2005 in einem Hühnerstall im Judgement Yard jede Menge automatische Waffen gefunden wurden?
Babylon versucht immer Waffen zu finden. Ich bin Entertainer, ich verdiene Geld. Wenn also irgendetwas auftaucht, schieben sie es mir in die Schuhe. Sie haben nichts in meinem Yard gefunden, nicht auf meinem Grundstück. Bei uns geht es nur um Musik.

Woher kam dann die Meldung von diesem Waffenfund?
Ihr müsst verstehen, wir lassen uns nicht wie Lämmer zur Schlachtbank führen. Sie schossen auf Bob, töteten Malcolm X und Martin Luther King... Was sollen wir davon halten? Wir denken voraus und sagen, Yo!Aber wir werden nicht losziehen und Leute umbringen. Das ist nicht unser Ding, uns geht es um Liebe. Aber jeder hat ein Recht auf Freiheit und Sicherheit. Gleichzeitig musst du schlau sein in Babylon, du kannst nicht einfach mit illegalen Dingen durch die Gegend spazieren. Darauf warten sie doch nur. Also musst du dir deiner Taten bewusst sein und dein Ziel vor Augen behalten. Manchmal kannst du deinen eigenen Leuten nicht trauen, viele Menschen tragen Hass und Neid in sich – me just live.

Viele erfolgreiche Artists verlassen früher oder später ihre Communities. Wäre es nicht vielleicht auch für dich besser August Town den Rücken zu kehren?
Um ehrlich zu sein, fühle ich mich persönlich verantwortlich für jeden schwarzen Mann und jede schwarze Frau auf der Welt. Wenn ich also August Town verlassen würde, um woanders zu leben, müsste ich dort genau die gleichen Dinge tun wie jetzt. Nichts, was man im Leben erreicht, hat man alleine geschaffen. Die meisten Leute in meiner Community ziehen mit mir an einem Strang und unterstützen mich. Wir arbeiten gemeinsam für mehr Zusammenhalt. Wenn du Menschen erreichen willst, damit sie mehr über ihre Kultur lernen können, dann kannst du doch nicht einfach abhauen. Du musst bleiben, um sie zu lehren.
So bin ich selbst vor Jahren bei den Nyahbinghis und Bobos gelandet. Ich wollte die Grundlagen lernen, um sie weitergeben zu können. Ich wollte kein unwissender schwarzer Mann sein und über Rastafari singen. Ich wollte mehr über die göttliche Ordnung erfahren, wollte sie erforschen. Und mir ist klar geworden, His Majesty tritt jeden Tag aufs neue den gleichen Menschen gegenüber, egal ob sie gut oder schlecht sind, ob sie ihn lieben oder kritisieren. Das gilt auch für mich. Wenn du den King preist, heißt das, du musst bereit sein, seinen Job zu machen. Ich schere mich nicht um Politiker. Sie besitzen die Menschen genauso wenig wie ich. Einzig Rastafari ist der König, autorisiert die schwarze Nation anzuführen – die Staatsoberhäupter von 72 Ländern waren Zeuge seiner Krönung. Warum soll ich mich also von einem Politiker einspannen lassen? Zugegeben, in August Town gibt es viel Gewalt, Menschen können grausam sein. Aber davon darf ich mich nicht einschüchtern lassen, sonst ist all meine Arbeit sinnlos gewesen.
Du singst für die Menschen und lässt dich von einer Kleinigkeit ins Boxhorn jagen? Das kann nicht sein, du musst Moses sein in diesen Zeiten. Trete der Angst entgegen. Viele Rastas wurden verfolgt und umgebracht, nur weil sie die Wahrheit ausgesprochen haben. Babylon liebt seine Sklavenkinder viel zu sehr, um sie sich abspenstig machen zu lassen. Sie haben die Pyramiden erbaut, die Sphinx, die afrikanischen Paläste. Warum sollte Babylon also diese Sklaven ziehen lassen? Heute packen sie ihre Sklaven bei ihrer Eitelkeit, bieten ihnen Geld, schöne Autos... damit sie es sich in ihrem Sklavenleben gemütlich machen können. Doch man muss ihnen zeigen, dass es auch anders geht, dass sie ihre eigenen Autos bauen können. Es geht nicht nur darum, Rastafari zu preisen. Selassie I baute Eisenbahnlinien, Flughäfen, Schulen, Universitäten. Daran erkennt man, worum es Ihm geht, er will eine kluge, gut ausgebildete Nation. Das muss ich im Hinterkopf haben, wenn ich auf die Bühne steige. Ich darf keinen Unsinn erzählen, sondern muss den Menschen das weitergeben, was ich gelernt habe.

Du sprichst viel von einer schwarzen Nation. Glaubst du, dass dein europäisches Publikum, das hauptsächlich aus Weißen besteht, deine Anliegen versteht?
Ich denke schon, dass sie meine Botschaft verstehen. Ich stamme aus dem Ghetto, aus einer schwarzen Community, einer schwarzen Familie. Darüber singe ich: von meinen Erfahrungen, meinem Alltag, meinem Leben. Daher wissen sie, was mich bewegt. Sie nehmen meine Worte – das Wort ist das Licht – und interpretieren sie und geben ihnen einen Sinn. Es tut gut zu sehen, dass ein anderes Publikum, ein anderes Volk meine Musik und meine Botschaft, mich, meine schwarze Kultur zu schätzen weiß. Das hält mich am Laufen.

Seit dem Beginn deiner Karriere bist du ein Advokat für Repatriierung. Mittlerweile warst du mehrmals in Äthiopien. Was haben dir diese Reisen bedeutet?
Liebe, Leben, Existenz. Diese Reisen sind Meilensteine in meinem Leben. Viele Elders, die mir Rastafari nähergebracht haben, lehrten mich über das Mutterland, ohne je mit der Möglichkeit gesegnet gewesen zu sein, selbst den afrikanischen Kontinent zu betreten. Indem ich meine Erfahrungen mit ihnen teilen konnte, habe ich sie in ihrem Glauben gestärkt. Für mich steht Äthiopien für Gerechtigkeit, für Wahrheit, für die versklavten Söhne und Töchter, für die Wurzeln, das Fundament. Gleichzeitig musste ich erkennen, dass viele Leute Afrika nach wie vor zerstören wollen. Meine Reisen dorthin haben mein Verständnis vom Leben enorm erweitert und mir eine Richtung gewiesen.

Haben diese Reisen also deinen Wunsch noch gestärkt nach Afrika zurückzukehren?
Auf jeden Fall! Doch Repatriierung fliegt einem nicht einfach zu. Immerhin müssen wir diejenigen Institutionen dazu bringen den Transport zu ermöglichen, die für unsere Versklavung verantwortlich sind. Und das erreichen wir nicht mit Gewehren und Bomben, sondern nur mit Spiritualität, Bildung, Intelligenz und Taktik. Zunächst müssen wir feststellen, ob die gegenwärtige Regierung überhaupt daran interessiert ist, dass das schwarze Volk nach Afrika zurückkehrt.
Erst kürzlich habe ich gelesen, dass Ghana Menschen aus der afrikanischen Diaspora die Staatsbürgerschaft erteilt. Darin erfüllt sich für mich die Prophezeiung bedeutender alter Rastas. Einige Regierungen bereiten sich darauf vor, nur die jamaikanische ignoriert die Notwendigkeit von Repatriierung. Jeder anderen Nation wird Repatriierung zugebilligt, jetzt ist es an uns unsere Interessen durchzusetzen, fi get it and set it. Ich muss mich für die Belange der Schwarzen einsetzen, me haffi speak black, sonst sagen die Weißen, was ist los mit dir, Sizzla? Du bist schwarz und sprichst nicht über Rasta, nicht über Spiritualität? Ich möchte wie ein Vater für die Black Nation sein, deren Reich nur im Mutterland liegen kann.
Deswegen habe ich mich, als ich dort war, genau erkundigt, welcher Voraussetzungen es bedarf dort Land zu erwerben. Und wir wenden uns immer wieder an die jamaikanische Regierung, an die UN, an die englischen Gerichte, an Ihre Majestät Königin Elisabeth uns nachhause zu schicken. Und weil so viele Menschen ihre Verbindung nach Afrika verloren haben, nichts mehr darüber wissen, ist es wichtig, dass ich dort hingehe und mit eigenen Augen sehe, worüber ich singe, wohin es gehen soll, was uns genommen wurde, welcher Menschenschlag uns dort erwartet. Und ich durfte erfahren, dass selbst viele Afrikaner auf unsere Rückkehr aus der Diaspora warten. Allein wie sie unsere Musik aufsaugen. Und wir haben ihnen noch so viel mehr zu geben. Wenn wir uns entsprechend vorbereiten, sind wir durchaus in der Lage die Hungrigen zu nähren, die Nackten zu kleiden, die Kranken zu heilen, die Alten zu schützen und die Kinder großzuziehen. Denn die Menschen in Afrika leiden genauso wie wir. Wir müssen also tun, was in unserer Macht liegt.

Wir haben gehört, dass du und dein langjähriger Manager und Produzent Fatis Burrell äthiopische Schulen und Kindergärten finanziell unterstützen.
Meine Eltern haben es mir ermöglicht die Schule zu besuchen, Lehrer, Freunde und andere Leute habe mich zum Lernen ermutigt. Bildung ist der Schlüssel für alles. Als Sänger musst du lesen und schreiben können, musst wissen, was du den Leuten mit auf den Weg gibst, worüber du singst, welche Themen du behandelst, das Was, Warum, Wie, Wo und Wann erklären können, dir über die Wirkung bewusst sein. Durch Bildung kannst du der Welt eine Vision geben. Ohne Bildung bleibst du blind.

Doch die Inhalte deiner Texte wurden dir sicherlich nicht in der Schule vermittelt. In jamaikanischen Schulen lernen die Kinder nach wie vor nicht viel über schwarze Geschichte, schwarzes Bewusstsein. Oft werden sie noch nach einem kolonialen Lehrplan unterrichtet.
Das System versklavt uns immer noch. Der Regierung unterstehen die Universitäten, Schulen, Krankenhäuser... Sie sorgt dafür, dass wir nur begrenzte Bildungsmöglichkeiten haben. Doch hier kommt Rastafari ins Spiel. Bei den Bobo Shanti lernst du Amharisch, du erfährst mehr über Haile Selassie, lernst zu beten, sie bringen dir bei, wie man sich benimmt. Rastafari lehrt die Youths den I-cient (von ancient = altertümlich) Way of Civilization, lehrt sie eine spirituelle Lebensweise über eine materialistische zu stellen, den Sabbat zu heiligen, Marcus Garvey als Propheten, Prince Emmanuel als Priester und Haile Selassie als König zu verehren. Deshalb sagen wir, (mit bedeutungsschwerer Stimme) Marcus I, Emmanuel I, Selassie I, Jah Rastafari! Durch diese drei großen Männer haben wir sehr viel über unsere Kultur, unser Land, unsere Nation gelernt.

Welchen Anteil hatten deine Eltern, ebenfalls Rastas, an deinem Wissen über schwarze Geschichte und Kultur?
Um ehrlich zu sein, ich bin ihnen zwar sehr dankbar, aber sie konnten mir nur zu einem gewissen Grad etwas beibringen. Deswegen habe ich mich mit 18, 19 Jahren nach Bobo Hill aufgemacht, nachdem ich die Schule beendet hatte. Ich war bereits gebusst, die ganze Insel kannte mich. Mir wurde klar, dass die Menschen mich wirklich ernst nehmen, dass ich also eine Verantwortung habe. Statt einfach an einer Straßenecke rumzuhängen, wollte ich meine Zeit sinnvoll nutzen und studieren, was ich den Menschen durch meine Lyrics vermitteln will. Ich habe aufgesogen, was mir in die Finger kam, Bücher über Marcus Garvey, die Reden von Haile Selassie... Und ich hatte von Prince Emmanuel gehört, der erste Rasta-Priester, der mit seiner priesterlichen Ordnung dafür sorgte, dass die Nation einen kirchlichen Rahmen bekommt.
In Bobo Hill habe ich mich erst mal nur hingesetzt und alles genau beobachtet. Wie sie beten, ihre Messen abhalten, sich gen Osten wenden, wie sie materiellen Gütern entsagen, sich ordentlich kleiden, das Hemd in die Hose stecken – und ich habe zu mir gesagt, Dada, diese priesterliche Ordnung ist richtig für die Nation, für die ganze Welt. Denn darin materialisiert sich, was in der Bibel, in den Psalmen geschrieben steht. Ich analysierte die Worte ihrer Hymnen, sie handeln von Liebe, Einheit, von der Rückkehr ins Mutterland. All das macht dich demütig. Bevor du das Tabernakel, den heiligen Gebetsraum, betrittst, musst du ein Bad nehmen, deinen Turban wickeln, dein Gewand anlegen – nur die Geweihten tragen Robe und Turban –, Bibel und Gesangsbuch bereithalten. Jedes Mal werden sieben Psalme gesprochen, morgens, mittags und abends. Selbst wenn ich auf Tour bin, rufen sie mich an und sagen, Dada, in fünf Minuten beginnen wir mit dem Gebet. Dann bin ich in Gedanken bei ihnen und bete mit. Bei meiner Rückkehr führt mich mein erster Weg zu ihnen, denn sie brauchen Kleidung, Roben, Turbane, Trommeln, Farbe, Banner, viele Kleinigkeiten. Und sie wollen etwas über den Geist der Welt erfahren, über die Menschen, denen ich auf meinen Reisen begegne.
(Emphatisch) Es baut sie auf, wenn sie hören, dass ich vor einem weißen Publikum über schwarze Kultur singe. Es erfüllt sie mit Stolz, (flüstert) so viele weiße Menschen hören dir zu. Es ist ihnen wichtig, dass andere Nationen unsere Kultur ernst nehmen, dass jemand darin die Wahrheit erkennt. Genauso in Afrika. Die Menschen mögen Reggae, liebe Menschen, die ein gutes Leben führen. Doch Babylon raubt einen Teil dieser Menschen und lässt sie für sich arbeiten. Nicht nur Menschen meiner Nation, selbst in China werden Menschen gekidnappt und versklavt – es geschieht überall auf der Welt. Sklaverei läuft aus dem Ruder, wir dürfen nicht weiter zusehen, wir müssen dem Einhalt gebieten. Und dafür müssen wir spirituell gewappnet sein.

Als wir mit Mr. Harris (siehe unten, Homer Harris) über Rasta diskutierten, meinte er, du seiest der Einzige, der in der Lage ist, die verschiedenen Rasta-Häuser zu einer starken gesellschaftlichen Kraft zu vereinen.
Das passiert sowieso, unabhängig von mir. Viele erkennen es nur nicht. Alle Rastas verehren den einen König. Der einzige Unterschied ist, dass die Bobos jeden Tag mehrmals beten, die Nyahbinghis hingegen nur an bestimmten Tagen Messen abhalten – zum Gedenken an Selassies Krönung am 2. November, seiner Geburt am 23. Juli, zum äthiopischen Neujahr und zur äthiopischen Weihnacht –, ansonsten gehen sie ihren täglichen Verrichtungen nach. Wenn wir aber eine starke Kraft bilden wollen, ist es wichtig, nicht nur an bestimmten Tagen zum Beten zusammenzukommen, sondern täglich Disziplin zu üben. Das hält die Nation wach, stärkt ihr spirituelles Bewusstsein. Die Bobos lernen immer wieder neue Priester an, so dass die Tradition an Jüngere weitergereicht wird. Selbst wenn die Youths als Besenbinder anfangen, können sie irgendwann zum Priester aufsteigen. Anders bei den Binghis, wo die Tradition nur von den Elders getragen wird.
Trotzdem versuche ich immer wieder an ihre Einheit zu appellieren, zeige ihnen die Gemeinsamkeiten auf und versuche die Binghis davon zu überzeugen, sich über die zeremoniellen Feiertage hinaus spirituell zu stärken. Ich ziehe Vergleiche heran, die zeigen, dass es einer königlichen Ordnung bedarf, um eine Nation zu bilden. Sieh dir die Sicherheitsvorkehrungen im Weißen Haus in Washington an: Man wird durchsucht, zeigt seinen Ausweis vor, trägt sich in Listen ein... Genauso ist es bei den Bobos. Damit zeige ich den Jugendlichen, dass wir schon längst nach diesen Prinzipien leben. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Ghetto Youths. Sie orientieren sich oft an Amerika, dabei sind wir in vielen Dingen schon viel weiter. Nimm die Rapper. Während in Jamaika jede Woche jede Menge spirituelle Songs erscheinen, brauchen sie einen konkreten Anlass wie der Tod eines Freundes, ehe sie sich von Materialismus und Eitelkeit ab- und ernsthaften Themen zuwenden. Denn sie haben niemanden, der ihnen den Weg weist. Versteht mich nicht falsch, ich mag HipHop und R&B, es ist eben Teil der amerikanischen Kultur.

Wo du gerade die Rapper erwähnst: Wie es ist zu deinem Deal mit dem HipHop-Mogul Damon Dash gekommen, für den du das Album „The Overstanding“ gemacht hast?
Die Rapper lieben Sizzla! Es begann mit einer Tour durch die USA, als ich zu einer Studiosession mit Jay-Z, Beyoncé, Foxy Brown, Jadakiss und noch ein paar anderen eingeladen wurde. Stellt euch vor, Sizzla im Studio mit den größten Rappern – wie hätte ich da nicht erscheinen können? In Jamaika hätten sie mich für verrückt erklärt (lacht). Jay-Z gefiel, was ich zu bieten hatte. Also haute ich ihn an, shot me a deal, lass mich für dich arbeiten, du bist doch der Präsident von Def Jam. Drei Monate blieb ich in New York, arbeitete hart und wartete auf eine Zusage von Jay-Z. Aber es kam nichts. Dann meldete sich Damon Dash, der damals A&R bei Def Jam war, und machte mir ein Angebot. Mir war es egal, mit wem ich es zu tun hatte, Hauptsache ich konnte arbeiten. Am 7. Juli unterzeichnete ich den Vertrag, Ende Juli war das Album fertig. Doch da Jay-Z immer noch Präsident von Def Jam war, wurde das Album nicht veröffentlicht. Also kündigte ich den Vertrag, denn ich habe keine Zeit zu verlieren, a Sizzla dis! Dann zog Dame einen Deal mit Koch International an Land, die das Album schließlich Ende 2006 veröffentlichten. Ich habe „The Overstanding“ mit einer schönen, großen US-Tour beworben.

Die Bilder von deinem Tourbus gingen um die Welt.
Ja, Dame gestaltete einen Bus nur für mich. Ich hatte ihm gesagt, ich will keinen kleinen Bus, sondern einen großen wie die Rapper. Und er kam mit einem riesigen Bus mit meinem Gesicht drauf. Ihr müsst wissen, Dame ist ein Typ, der Dinge möglich macht. Er ist zwar ein rich Dude, aber er hängt sich richtig rein und tut alles für mich. Ich konnte ihn anrufen und sagen, ich brauche Geld, ein Auto, eine Limousine, ein Flugticket... Egal was, ich bekam es auf der Stelle. Als ich Dame zum ersten Mal traf, verhandelte er gerade mit Pro Keds und sorgte dafür, dass sie einen Wagen für die Westindian Parade in Brooklyn bereitstellen, auf dem ich über fünf Stunden lang performte und die Menschen liefen hinterher. Das war total neu für mich! Ich dachte, was wohl die Menschen in Europa denken müssen – Sizzla auf einem Trailer in New York! Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen: (Schreit begeistert) Me love dat, let’s go! Dann hat er dafür gesorgt, dass ich meinen eigenen Sneaker bekomme. Und durch ihn bin ich auf die Idee gekommen, mein eigenes Label zu gründen – Kalonji Records. Ich habe mir einen Anwalt in Amerika besorgt und alles registrieren lassen. Ich will Millionen verkaufen, Platin gehen, denn mit dem Geld kann ich mich um die Armen kümmern, um die Sufferer. Aber dieses Level habe ich noch nicht erreicht.
Und auf der anderen Seite bin ich ein Artist, der sich nicht um irgendwelche Erwartungen schert, a Jah work me a deal with. Sizzla ist ein Mann, der sich nicht zähmen lässt. Mir geht es nur um die Wahrheit. Und ich lasse mich auch nicht von irgendeinem High Society-Schnösel davon abbringen, mich für die Befreiung meiner Leute einzusetzen. Schließlich sind sie es, die mich so weit gebracht haben. Dame und ich sind zwar immer noch Freunde, doch jetzt ziehe ich mein eigenes Ding auf. Ich habe eine eigene Modekollektion registrieren, meinen Namen als Marke schützen lassen, habe mir die Rechte an einem Mineralwasser gesichert, werde ein eigenes Magazin – Black Magazine – starten, habe Rasta TV, das Studio Kalonji Production, Taffari Sound System... Meine Anwälte und Buchhalter warten nur darauf loslegen zu können. Ich brauche lediglich Sponsoren, denn allein kann ich das alles nicht stemmen. Das Geld, dass ich mit meinen Shows verdiene, rinnt mir meist durch die Finger und es bleibt nichts übrig, um all die anstehenden Projekte anzugehen. Aber sobald eine große Firma Interesse bekundet, bin ich bereit. Es geht mir einfach darum, etwas Geld zu verdienen, glücklich zu leben und zu helfen, wem ich helfen kann.

Als wir nach 80 Minuten entgegen der Vereinbarung mit dem Reggae Compassionate Act das Thema Homophobie anschneiden, will sich Sizzla zwar bereitwillig äußern, doch Fatis, der bereits selig vor sich hingeschnarcht hat, ist plötzlich hellwach, bäumt sich auf und bricht das Interview ab. Sizzla zuckt mit den Schultern, verabschiedet uns freundlich und wendet sich den geduldig wartenden Soundboys im Foyer zu.

Zuletzt ist von Sizzla das Album „I-Space“ bei Greensleeves Records/Rough Trade erschienen.

Caveman über Sizzla

Wenn Rastas in Kingston zusammenkommen und einen Sound benötigen, fällt die Wahl meist auf Caveman, der cultural Sound, bei dem Sizzla Anfang der 90er seine ersten Gehversuche als Artist machte. Auszüge aus einem Gespräch mit den beiden Sound-Betreibern Father Caveman und Iniman.

Father Caveman : Sizzla stieß 1992 zu uns. Damals hieß er noch Likkle One. Als wir ca. 1994 mit unserem Studio in die Grove Road umzogen, lernte er durch uns Mr. Harris kennen, der dort eine Art Community Center hatte. Dean Frasers 809 Band hatte ihren Proberaum im gleichen Gebäude, so dass dort ständig Musiker und Artists zusammenkamen. Mr. Harris war eine Art Daddy und Lehrer für uns alle. Er kümmert sich auch heute noch um die Youths, ermutigt sie und leitet sie an. Er war es, der Sizzla seinen heutigen Künstlernamen gegeben hat.

Iniman : Sizzla ist so belesen, so intelligent. Neben seiner Karriere drückt er sogar noch die Schulbank und studiert Architektur und nebenbei unterhält er mehrere Farmen. Er ist sehr vielseitig, auch wenn ihm viele vorwerfen, dass er zu viele Platten veröffentlicht. Aber das kannst du ihm nicht sagen, sonst wird er sauer (lacht). Und von seiner Mission lässt er sich ohnehin nicht abbringen.

Caveman : Für ihn ist Rasta das wichtigste. Wenn du ihn suchst, musst du nach Bobo Hill gehen, da trifft man ihn meistens an. Im Vergleich zu anderen Rasta-Artists ist es ihm wirklich ernst. Wie kein anderer setzt er sich für Repatriierung ein, steht sogar in Verhandlungen mit der äthiopischen Regierung. Iniman : Und wenn jemand ein Problem hat, kann ich ihm nur raten Sizzla aufzusuchen. Er setzt sich mit den Sorgen anderer auseinander und hilft sie aus dem Weg zu schaffen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Menschen er ernährt. Als er erfolgreich wurde, schloss sein Vater seine Autowerkstatt, die die ganze Familie inklusive sämtlicher Onkel und Tanten ernährte. Auch sie halten jetzt alle ihre Hände auf...

Caveman : Das ruft natürlich viele Neider auf den Plan. Dem Area Don von August Town passt es nicht, dass Sizzla so viel Macht über die Youths hat, weshalb er Druck auf ihn ausübt. Doch Sizzla lässt sich nicht zu einer Marionette machen. Es gab eine Zeit, als sich ganz Jamaika gegen ihn wandte, doch wir sagten ihm, bleib stark, Dada. Er hätte nur mit dem Finger zu schnippen brauchen und schon wären sämtliche Gunmen aus Tivoli zu seiner Verstärkung angerückt. Dudus (Area Don von Tivoli Gardens, Sohn von Lester „Jim Brown“ Coke, Gründer der Shower Posse, der 1992 unter mysteriösen Umständen in seiner Gefängniszelle verbrannte) und Sizzla sind dicke Freunde, sie kennen sich schon aus Schulzeiten. Doch er hat auf seine Hilfe verzichtet und ließ den Sturm über sich hinwegziehen.

Iniman : Sizzla is a man of the people, he is a good youth!

Homer Harris – Der Strippenzieher

Sizzla, Buju Banton, Luciano, Patra, Panhead, Zumjay, Mark Wonder und viele andere bezeichne(te)n ihn als Vater. Was Mortimer Planno für Rasta-Artists in den 70er Jahren war, ist Homer Harris für die 90s Generation. Statt wie geplant ein Interview mit Sizzla in die Wege zu leiten, stand der Mann, der sonst lieber hinter den Kulissen agiert, ausnahmsweise selbst Rede und Antwort.

Homer Harris kam in den 50er Jahren elfjährig mit dem ersten großen Schwung jamaikanischer Einwanderer nach London, wo er als Kind auf dem Portobello Market für ein Taschengeld Obst und Gemüse verkaufte, bevor er den Plattenladen seines Großvaters in der Brixtoner Granville Arcade übernahm.
Nachdem sein Vater Dennis, Besitzer des DIP-Studios, in den 70ern zusammen mit dem Bassisten Dennis Bovell das Lover’s Rock-Label sowie das gleichnamige Subgenre ans Laufen gebracht hatte und damit den Startschuss für eine eigene Reggae-Szene in England gab, gründete Homer zusammen mit Robert Allen (einem der späteren Betreiber des Plattenladens Dub Vendor) Ende der Dekade das Nasty Rockers Sound System, das Artists wie Tippa Irie, Smiley Culture und Asher Senator erstmals Gelegenheit gab ein Mikro zu halten.
In der ersten Hälfte der 80er Jahre clashte er mit Nasty Rockers gegen sämtliche namhaften Sounds wie Saxon, King Tubby’s, Coxsone, stand zwischendurch bei den so genannten Brixtoner Race Riots ganz oben auf den Barrikaden und kümmerte sich im Abeng Club in Brixton um Jugendliche, bevor er 1988 seinem Großvater nach Jamaika folgte, wo er zunächst bei Blue Mountain Records arbeitete, dem Label, wo sich zu jener Zeit Bobby Digital und Robert Livingston (heute Big Yard) auf ihre Selbständigkeit vorbereiteten. Genügend Stoff für ganze Geschichtsbücher, doch Homer Harris spricht lieber über seine selbst gestellte Aufgabe als Sozialarbeiter, als der er sich heute sieht.

„Als ich bei Blue Mountain arbeitete, sorgte ich dafür, dass der 15-jährige Mark Myrie, den ich Buju Banton taufte, die 14-jährige Dorothy Smith, aus der später Patra wurde, Mark Wonder, der noch ein Kind war, und der 18-jährige Luciano ins Music Works-Studio von Gussie Clarke durften. Doch ich war noch keinen Monat bei Blue Mountain, als das Label Pleite machte. Daraufhin kaufte ich das Haus an der 2b Grove Road, von dem ich eine Hälfte dem Saxophonisten Dean Fraser überließ, der dort mit seiner 809 Band probte und ein Studio unterhielt. Mein Plan war, aus dem Haus eine Art musikalisches College zu machen. Später stieß noch Caveman mit seinem Sound und Studio dazu. Wenn Dean Fraser nichts zu tun hatte, schickte ich all meine kleinen Artists in sein Studio, damit sie zeigen konnten, was sie drauf haben. Damit hat alles angefangen.
Buju Banton war mein erster Quälgeist, er löcherte mich ständig mit Fragen. Er wollte es unbedingt im Musikgeschäft schaffen, doch ich sagte ihm, dass die Schule vorgeht – wenn du nicht lesen kannst, verpiss dich. Er sagte jedes Mal, Mr. Harris, wenn ich so sprechen kann wie Sie, meinen sie nicht, dann wäre ich der größte? Ich kümmere mich gerne um die Kids, wenn sie jung sind. Sobald sie älter sind und sich für einen Deejay oder Sänger halten, geht es nur noch ums Geld. Dann müssen sie Miete zahlen, sich um ihre schwangere Freundin kümmern, und sie hören mir nicht mehr zu. Doch mir geht es bei meiner Arbeit darum, ihnen wirklich zu helfen, ihnen die Strukturen des Geschäfts nahe zu bringen. Die meisten kommen zu mir und wollen unbedingt einen Song aufnehmen. Aber weiter denken sie nicht.“

Mit Buju Banton und Sizzla haben Sie sich zwei sehr extreme Persönlichkeiten ausgesucht.
Gott hat sie ausgesucht, nicht ich. Sie kamen einfach in mein Leben, ich habe nicht nach ihnen gesucht.

Aber Sie hätten sie wegschicken können...
Das habe ich versucht! Ich hatte die Nase voll von Mark Myrie, weil er ständig die Schule schwänzte. In seinem letzten Schuljahr hat er sich aber endlich auf seinen Hosenboden gesetzt und gepaukt. Einmal habe ich ihn sogar verdroschen. Joseph Hill von Culture hatte ihn losgeschickt, damit er Weed für ihn besorgt. Er war in seiner Schuluniform und ich traf ihn zufällig an einer Straßenecke, wo er das Gras kaufen wollte. Als er mir sagte, dass er für Culture Weed besorgen soll, fing er sich von mir ein paar Ohrfeigen ein. Ich war für ihn verantwortlich. Wenn dich die Polizei in deiner Schuluniform dabei erwischt hätte, Mark, was hättest du gemacht? Seit diesem Tag wusste er, dass es mir ernst ist. Seitdem hat er mich nicht mehr enttäuscht. Buju hatte diesen Hunger in seinen Augen. Ich habe ihm gerne geholfen.
Mit Sizzla war es das gleiche, er stellte so viele Fragen. Mr. Harris, wie wollen wir das machen? Shabba Ranks, Super Cat... Wie kann ich dahin kommen? Ich sagte ihm, er solle geduldig sein, sich benehmen und hart arbeiten. Er befolgte meinen Rat. Sizzla ist aber auch ein ganz besonderes Kid. Anfangs wollte ich ihn verscheuchen, wirklich. Aber wer kann schon einem kleinen Jungen widerstehen, der mit gaaanz traurigen Augen zu dir hochschaut? Mir blieb nichts anderes übrig als zu sagen, komm schon. Von da an kam er jeden Tag, machte erst seine Hausaufgaben, dann schrieb er Songs, die er bei mir proben und einsingen konnte.

Wir versuchen seit vielen Jahren ein Interview mit Sizzla zu bekommen und immer wieder heißt es, ihr müsst mit Mr. Harris in Kontakt treten.
Ja, wir haben eine sehr enge Beziehung. Wenn Sizzlas Mutter mich mal zwei Tage lang nicht zu Gesicht bekommt, geht für sie die Welt unter. Sie will immer genau wissen, wo ich bin. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, übertrug sie mir die Verantwortung für ihren Sohn.

Viele der Künstler, die sie aufgebaut haben, sind Rastas. Sizzla, Buju, Luciano... Hatte das auch mit Ihrem Einflusses zu tun?
In meinem kleinen Plattenladen in Brixton hingen die Wände voll mit Bildern von Seiner Majestät Haile Selassie. Draußen leuchteten die äthiopischen Farben, genau wie bei Sizzla im Judgement Yard. Sizzla erinnert mich überhaupt sehr an mich selbst. Viele sagen, ich sei der einzige, von dem er sich etwas annimmt. Ich habe ihm – wie den anderen Kids auch – als erstes die äthiopische Hymne beigebracht. Dass sie mehr über Rastafari erfahren, war meine oberste Priorität.
Bei Buju dauerte es zugegebenermaßen eine Weile... Aber bei Sizzla war es sozusagen angeboren. Er hatte sich schon früh auf den Weg nach Bobo Hill gemacht, um sich dort drei Jahre lang zum Priester ausbilden zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass er nicht mehr lange singen wird, denn Rasta nimmt eine immer größere Rolle n seinem Leben ein. Rasta-Priester, 70-, 80-jährige Männer aller Häuser, ob Bobo, Nyahbinghi, Twelve Tribes... sie suchen ihn auf, um ihn um Rat zu fragen. Wenn es jemanden gibt, der die unterschiedlichen Häuser zu einer starken gesellschaftlichen Kraft vereinen kann, dann ist das Sizzla.
Menschen, die ihn nicht kennen, behaupten, er hätte sich von Rasta entfernt, aber sie haben keine Ahnung. Heute suchen sogar Mitglieder der königlichen Familie, also Selassies Nachkommen, seinen Rat. Früher haben ihn die Bobos bekämpft, weil sie nicht wollten, dass er Reggae singt. Doch ich bestand darauf, dass er weitermacht, denn ich wusste, dass eines Tages er es sein wird, der das finanzielle Leben der Bobos sichert und ihnen eine Stimme gibt. Und schaut ihn euch heute an: Er ist es, der dafür sorgt, dass die Bobos da oben Computer und Strom haben und dass die Menschen ihnen zuhören. Die Bobos haben sämtliche Staatsoberhäupter angeschrieben und um Hilfe bei ihrem Vorhaben gebeten, nach Afrika zu repatriieren, jedoch haben sie nie eine Antwort bekommen. Wenn Sizzla etwas unternimmt, dann hören ihm die Verantwortlichen zu. Darüber steht natürlich nichts in den Medien, Sizzla hängt das nicht an die große Glocke. Ich kann es kaum glauben, dass dieser 15-jährige Junge unter meinem Schutz zu einem 32-jährigen Priester herangewachsen ist (lacht).

 
     
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BIG BIG BIG ! RASTAFARI !!! BLIASS!!! ... mehr
 
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Text von Ellen Köhlings & Pete Lilly
Fotos von Julian Thomann

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 01/08

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