Newsletter
Riddim Mag abonnieren
Riddim Shop Angebote
     NEWS  
     Summerjam 2012 - Ein Stimmungsbild  
  Text von Stefan Mann  
  10.07.2012 - Geschafft. Auch dieses Summerjam haben wir überlebt. Es gab wieder viel zu sehen und zu lernen – musikalisch und über die neuesten babylonischen Sitten.

Bevor am Freitag das eigentliche Summerjam startete, wurde am Donnerstagabend im Roots Center auf dem Parkplatz der early vibe auf den Weg gebracht. Da ließ es sich unsere Polizei nicht nehmen, schon mal ein wenig herumzustänkern. Am Rand des Parkplatzes fühlten sich zwei Uniformierte bemüßigt, einen Dread nach Ganja zu durchsuchen. Nachdem die Taschenkontrolle erfolglos war, wurde er abgetastet. Die Würde des Menschen mag unantastbar sein, aber eine unfreiwillige Skrotum-Befummelung 50-jähriger Rastas scheint bei unseren Behörden dieser Tage als normal durchzugehen. Auf seinen (unter den Umständen) höflich formulierten Protest hin musste er – die Hände auf dem Rücken gefesselt – eine Weile auf dem Bauch im Dreck liegen. Anschließend ließen die Freunde und Helfer ihn mit heruntergelassenen Hosen noch eine Weile in der Gegend herumstehen. Einfach widerlich.
Vielleicht sollten die betreffenden Beamten in kommenden Jahren eher auf dem Christopher Street Day eingesetzt werden. Dort finden sie bestimmt eine dankbare Zielgruppe für Behandlungen aus der Sparte Bondage und Vorführung. Junge kräftige Männer, die sich handgreiflich ihrer Geschlechtsgenossen annehmen, können sich dort jederzeit einen attraktiven Nebenverdienst erschließen.

Nun endlich zu den angenehmen Seiten des Wochenendes – ein vollkommen subjektives Stimmungsbild ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Ausgewogenheit.

Am Freitag war es vor allem die Green Stage, die meine Aufmerksamkeit fesselte. Denn hier hielten Raging Fyah, was wir alle uns seit Ellens und Petes Artikel aus dem letzten Jahr (RIDDIM 5/11) von der Band versprochen hatten. Die Musiker um Kumar Bent spielten ihre erste Show in Europa. Publikum und Band waren gleichermaßen neugierig aufeinander und erlebten alle mal etwas ganz Neues, wie es sonst selten vorkommt. Ohne Allüren, Effekthascherei oder Posen spielten die Fünf ein Set, bei dem sich mir seit langer Zeit mal wieder die Nackenhaare aufstellten. Toller Vibe. Give thanks.
Im Anschluss lieferten die weitaus gestandeneren Midnite eine sehr routinierte, dubbige Show. Auf der Bühne wie bei der Pressekonferenz wirkte Sänger und Buchautor Vaughn Benjamin extrem zurückgelehnt, belesen und sicher in seiner Sicht der Welt. Er kann Passagen aus Selassies Reden und der Bibel wiedergeben, sich auf Nostradamus und die Veden beziehen, Quantenphysik und Musiktheorie miteinander verbinden, ohne dabei behämmert zu klingen. Wir alle halten uns auf dem Weg aus Platons Höhle fest, wo immer wir können.
Es folgte U Roy, der – ganz Elder Statesman des Deejaying – entspannt in einem gelben afrikanischen Pajama über die Bühne skankte und seine Fans begeisterte. Das Spiel seiner Band war exzellent – besonders die Basslines klangen (dort, wo ich stand) ohne Schnickschnack effektiv und auf den Punkt. Schon wieder Gänsehaut.
Tiken Jah Fakoly beschloss den Abend mit einer rasanten, ungeheuer energiegeladenen Show. Seine Background-Sängerinnen absolvierten beim Singen ein Tanzprogramm, für das ich erst mal ein paar Monate im Fitnesscenter einziehen müsste.
Sean Paul war auch gut, habe ich aber nicht ausgiebig angesehen. Sehr professionelle Show, alles schön bunt und mit Tänzerinnen. Big up di crossover artist anytime!
Wer, auf diesem High angekommen, noch nicht genug hatte, tat gut daran, den Auftritt von Christopher Martin im Dancehall-Bereich anzusehen, von dem mir mit glänzenden Augen berichtet wurde.

Am Samstag kam ich gerade rechtzeitig zum Auftritt von Hollie Cook auf der Insel an. Sie steht eher in der Tradition des britischen Pop. In ihrem bunten Petticoat-Kleidchen und mit einem Anflug von Koketterie erreichte sie nicht das Maß an Bühnenpräsenz, das ich bei anderen Künstlern dort erlebt habe. Ausnahmen waren ihre sehr am Original orientierten Coverversionen von Rocksteady-Klassikern wie Phyllis Dillons „Perfidia“ und „Hurts So Good“ von Susan Cadogan. Einen Song widmete sie ihrer Tochter, die am gleichen Tag Geburtstag hatte. Der Knicks am Ende ihrer Show war vermutlich eine Summerjam Premiere.
Nneka, zart wie sie ist, ließ im Anschluss das Feuer auf der Bühne wieder deutlich heller brennen.
Damit war die Massive bereit für Protoje, den sie begeistert abfeierte. Der Mann hat jede Menge Fans. Überraschung des Auftritts: eine Combination mit seinem Cousin Donovan Bennett aka Don Corleon. Der Mann ist nicht nur ein erstklassiger Produzent, der fleißig die Auftritte seiner Schützlinge auf Video festhält, sondern geht auch als veritabler Vokalkünstler durch.
Ein Auftritt, auf den ich mich schon seit Wochen gefreut hatte, war der von Burning Spear, den wir hier ja nicht so häufig zu sehen bekommen. Meine Vorfreude wurde vollkommen bestätigt durch die unglaublich entspannte Show. Immer wieder steckte er das Mikro in die Hosentasche, um eine Einlage an den Congas zu geben. Wenn ich es schaffe, so in Würde zu altern wie er, hat das Leben es gut mit mir gemeint.
Immer noch nicht erschöpft, ging ich zum Dancehall-Gelände, wo gerade Sentinel und DiW!ne den letzten Höhepunkt meines Summerjam-Samstags – die abrissmäßige Assassin-Show – vorbereiteten.
Charmanter Abschluss am frühen Sonntagmorgen: Während Pow Pow ihr finales Set spielten, konnte ich DiW!ne noch ein bisschen beim entspannten Üben ihrer Dance Moves hinter der Bühne zusehen und ging bezaubert heim. Einmal mehr überzeugt von meiner Lieblingsmusik und der Fülle der Kultur, die mit ihr zusammenhängt.

Der Sonntag begann für mich sehr gut mit J Boog. Der Hawaianer gab dem Publikum zwischen den Tunes Sprachunterricht, und ich weiß jetzt, dass Herb auf Hawaii Pakalolo heißt. Sobald mich eine gute Fee in die Lage versetzt, werde ich meine Kenntnisse vor Ort vertiefen.
Überrascht war ich im Anschluss, zu welch souveränem Performer Million Stylez sich entwickelt hat. Er hat deutlich mehr auf dem Kasten als nur „Miss Fatty Fatty“, das ihn – durchaus auch zu Recht – bekannt gemacht hat.
Die Alborosie-Show dagegen war meiner bescheidenen Meinung nach irgendwo zwischen solide und larifari angesiedelt. Im Club und bei seinem vorangegangen Summerjam-Auftritt hatte er mich mehr überzeugt. Das wirklich sehr große Publikum störte sich daran jedoch nicht erkennbar.
Den Schluss des Sonntagsprogramms bildete – begleitet vom gewohnten Feuerwerk – Stephen Marley, der erstaunlicherweise hauptsächlich Songs seines Vaters spielte und wenig von seinem aktuellen Album.
Ein gutes Festival ging damit zu Ende. Dem Vernehmen nach war allerdings die Polizei deutlich aufdringlicher und rüder als in den letzten Jahren. Erst schickten sie die Frischlinge zum Üben auf die Chill-Wiese und schon auf kleine Provokationen hin rückten Greiftrupps aus. Wer nicht lammfromm mitkam, wurde an Ort und Stelle fachgerecht zusammengefaltet und in jeder Hinsicht mitgenommen, hörte ich. Die Resultate in Form ausgeprägter Hämatome konnte ich mir am Sonntag ansehen. Es wäre sonst wohl einfach zu friedlich gewesen. Und die Zeitung mit den großen Buchstaben hätte einen vermutlich seit Monaten fertigen Artikel-Klassiker für die Saure-Gurken-Zeit in der Schublade lassen müssen.Ob beim CSD, beim Karneval, beim Ringfest oder bei den Spielen des FC genauso penetrant durchsucht wird? Gerade der FC dürfte für seine Fans derzeit ohne Betäubungsmittel kaum mehr auszuhalten sein. Manche sind auf unserer Farm eben weniger gleich …
Fyah pon di oppressors würde ich hier als Abschiedsgruß gern schreiben, wenn mir das von transkulturell Unterbelichteten nicht als Aufforderung zur Brandstiftung ausgelegt werden könnte.
More Love,
Stefan Mann

P.S. Im Zuge der eingangs erwähnten Durchsuchung wurde übrigens kein Ganja bei dem betreffenden Rasta gefunden. Selektive Wahrnehmung und Stereotype bringen es einfach nicht.

 
     
     EURE KOMMENTARE  
  mr. moe - mr-moe@safe-mail.com
war mal riddim abonnent und hab durch eu... mehr
 
  johannes - johannes-h@t-online.de
Wie kann man nach den ganzen Homophobie ... mehr
 
  True - kibo006@gmx.net
moechte mich kurz Christie anschliessen,... mehr
 
  Christine M?ller - christie.1958@yahoo.de
Ein sehr gelungenes "Stimmungsbild" - di... mehr
 
  Christie - christie.1958@yahoo.de
So ein sch?ner Bericht - aber den Verwei... mehr
 
  Schreib deinen eigenen Kommentar  

Text von Stefan Mann

Martei Korley: ...
Reggaeville Eas...
Editorial RIDDI...
Lutan Fyah & Ju...
Michael Turner und Robert Schoenfeld ... -
ROOTS KNOTTY RO...
JEREMY COLLINGWOOD ... -
1. BOB MARLEY –...
EVEREST SOUND ... -
COUNTRYTALK...
SELECTA M ... -
RAGGA & ROOTS S...
FESTIVALS 2013 -
Nichts wie raus...
Festival Guide 2012 -
...
Festivals 2011 -
Ras Tarik's Fes...
Festival Guide -
Festival Guide ...