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     Chiemsee Reggae Summer 2012  
  Text von Valentin Zill  
  04.09.2012 - 16 Grad und Regen, das ganze Wochenende? Als mir ein Kollege den Chiemsee-Wetterbericht zeigt – bei 38 Grad auf dem Rototom Sunsplash –, vergeht mir die Lust sofort. Klar, auf dem CRS regnet es. Aber 16 Grad? Ein paar Tage später steige ich in Übersee aus dem Zug – die Sonne geht gerade unter, und die Temperaturen scheinen mir angenehmer als in Benicàssim. Wird schon, denke ich und freue mich, nach zweijähriger Abwesenheit zurück zu sein: zum neunten Mal auf dem CRS.

Meiner späten Anreise geschuldet, habe ich bereits verpasst: Nosliw und Tiken Jah Fakoly auf der Hauptbühne, Fyah T & The Next Generation Family, Half Pint, Cornell Campbell & Far East Band auf der Zeltbühne. Das ist mehr, als auf so manch anderem Festival insgesamt geboten wird. Die Dauerklagen über das Mainstream-Line-Up, über Deichkind statt Derrick Morgan und Culcha Candela statt Capleton – dieses Jahr sind sie weitgehend ausgeblieben.

Leider verpasse ich dann auch noch den Abriss von Anthony B und die fulminante Show Gentlemans, der Tag 1 auf der Hauptbühne beschließt. Dabei bin ich nah dran – fünf Meter neben der Bühne sitze ich mit Tiken Jah Fakoly und seiner Crew im Nightliner; das Gespräch dreht sich um gute und schlechte Line-Ups, um Polizeibrutalität in Bayern wie dem Rest von Deutschland und welch merkwürdiges, höchst ambivalentes Setting die Chiemsee-Region – eine der reichsten Gegenden Deutschlands – doch für ein Festival abgibt. Musik aus den Ghettos Jamaikas, irgendwo zwischen der atemberaubenden Schönheit der bayerischen Alpen und dem konservativen Mief südöstlich von München. Hier scheinen Welten aufeinander zu prallen. Nichts allzu bemerkenswertes im Zeitalter globaler Totalvernetzung, könnte man annehmen, doch spätestens im Umgang der anwesenden Exekutivgewalt mit den Festivalbesuchern spiegeln sich Bruchlinien wider.

Im Hintergrund höre ich, was Freunde mir später bestätigen: Gentleman & The Evolution heizen der Chiemsee-Massive ein, dass die mittlerweile unangenehm niedrigen Temperaturen schlicht irrelevant werden. Mit Vido und Daddy Rings hatte Gentleman talentierte Unterstützung mitgebracht. Der Kölsche Jung packt auch ältere Tunes aus, sehr zur Freude seiner Fans der ersten Stunde. Kurz nach ein Uhr morgens schaffe ich endlich, ein erstes Konzert zu sehen, als Tikens Crew zur Zeltbühne eilt. Barrington Levy setzt zusammen mit der French Roses Band aus Paris den Zeltbühnen-Standard des Wochenendes, den erst Raging Fyah drei Tage später brechen wird. Mit dem Sound ist Levy zwar ganz und gar nicht zufrieden, wütende Dispute mit seinem Management zufolge denkt er sogar daran, die Show abzubrechen. Seine Fans interessiert das offensichtlich wenig, die Crowd hängt ihm an den Lippen und singt jeden einzelnen seiner Klassiker inbrünstig mit. Auch Phenomden freut sich über ein volles Zelt. Die schier grenzenlose Feierwut des Chiemsee-Publikums hat sich längst herum gesprochen.

Viel zu spät wache ich am Samstag auf. Zu spät für Martin Zobel & Soulrise, die später von zahlreichen Frühaufstehern vor der Bühne schwärmen. Immerhin, die Sonne scheint. Das kulinarische Angebot ist zwar recht breit gefächert, auf den Festival-Einheitsbrei habe ich aber keine Lust. Beim Chiemsee-Stammgast Da Sandwichmaker wartet die schmackhaftere und gesündere Alternative. Und Hans Söllner, der dieses Jahr privat auf dem Festival unterwegs ist. Mich zieht es zu Tanya Stephens. Ein paar hundert andere Stephens-Fans sind schon steil am feiern. Tanya ist gut gelaunt und unterhält routiniert, trotz ihres allzu frühen Slots. Sammy Deluxe und Jamaram, diese Namen dürften Tanya Stephens wenig sagen. Beide treten nach ihr auf der Hauptbühne an. Sammy mit einer Show, die sich hörbar an ein jüngeres Publikum wendet. Für Jamaram ist der CRS ein Heimspiel. Die motivierte Massive ist dem Wunsch der Münchener, in gelben Shirts zu erscheinen, zahlreich gefolgt – das halbe Gelände ist gelb. Auch der Himmel hat seine Farbe gewechselt. Statt leicht verschleiertem Blau trägt er jetzt Schwarz und Tiefgrau. Jetzt ist er da, der unbarmherzig kalte Chiemsee-Regen. Nach ein paar Minuten ist der Campingplatz nach normalen Maßstäben unbegehbar. Immerhin, die traditionellen Schlammschlachten vor der Bühne sind passé. Der Veranstalter hat das Gelände in den letzten Jahren gründlich befestigt. Und die regenerprobte Chiemsee-Massive hat selbstredend Gummistiefel und Regenmäntel im Gepäck.

Den besten Schutz vor Regen bietet die Zeltbühne. Praktisch, wenn gleich Etana auftritt. Zusammen mit House of Riddim verzaubert die Hochschwangere das Publikum. Ihre Stimme ist leider etwas zu leise gemixt, weshalb das Mitsingen nur bei den ernsthaften Fans klappt. Die Dancehall-Fraktion kommt unterdessen bei T.O.K. auf ihre Kosten. Als der Regen nach einer kurzen Pause erst richtig aufdreht, kocht die Party an der Hauptbühne schon so heiß, dass keiner mehr weg will. Wozu auch. Beenie Man übernimmt und steigert das Tempo, bevor Chiemsee-Liebling Shaggy Campingplatz und Zeltbühne leer räumt. Ginge es nach der Chiemsee-Massive, wäre Shaggy der wahre King of the Dancehall. Eindeutig und uneingeschränkt. Mit Fantan Mojah kredenzt der Veranstalter den Roots-Fans noch ein besonderes Schmankerl im Zelt. Um den Bobo Dread aus St. Elizabeth war es in den letzten Jahren ruhiger geworden, um so schöner, ihn einmal mehr in Europa performen zu sehen.

Ein erstes Highlight am letzten Festivaltag ist Jahcoustix, der als Münchner quasi ein Heimspiel gibt. Überhaupt ist die Förderung lokaler Künstler, ob etablierter oder blutjunger, eine konstante Erfolgsgeschichte in der Historie des Festivals. Wo sonst dürfen Hans Söllner und LaBrassBanda headlinen? Klar, bei den meisten RIDDIM-Lesern dürfte das auf schieres Unverständnis stoßen. Dem CRS verpassen solche Entscheidungen ein Lokalkolorit, das das Festival für ein genreübergreifendes Publikum interessant macht. Manchmal ist die Verbindung allerdings geradezu smooth. Samstag bekamen Mista Wicked & Riddim Disasta eine Bühne im Pressezelt, um sich dem Fachpublikum zu präsentieren. Der Rosenheimer und seine Chiemgauer Band machen soliden Reggae auf bayerisch – mit Texten, die schon mal ins Kabarettistische gehen. Ihr Debütalbum „Zruck zu de Wurzeln“ kommt im späten Herbst auf den Markt. Gut möglich, dass sie es nächstes Jahr an Jahcoustix‘ Stelle auf der Hauptbühne präsentieren dürfen.

Trotz der schneidenden Kälte kommen Jahcoustix‘ Fans zahlreich – Tarrus Riley zieht nach ihm kaum die Hälfte. Tarrus wirkt anfangs recht lustlos, taut dann aber auf, als die Black Soil Band mit Dean Fraser beginnt, die Show sichtlich zu genießen. Sebastian Sturm & Exile Airline übernehmen die Bühne und lassen diejenigen, die immer noch über den Geisteszustand des Programmgestalters räsonieren, ein ganzes Stück ratloser zurück. Einen abrupten Style- und Tempowechsel später veranstalten Irie Révoltés einen Komplettabriss und bringen Tausende dazu, sich trotz der Kälte die T-Shirts vom Leib zu reißen. Sean Paul bekommt seine Crowd auf Betriebstemperatur. Er präsentiert eine wilde Mischung aus Dancehall, Elektro, House, HipHop und Pop. Dass er überwiegend Playback singt, scheinen viele gar nicht zu realisieren. Freunde handgemachter Musik werden heute im Zelt glücklich gemacht. Bei Hollie Cook wähnen sich Dub- und Foundation-Fans auf Wolke Sieben. Danakil lassen einen Hauch Pariser Flair miteinfließen, bevor sie mit Sänger Baliks Sidekick Natty Jean Richtung Westafrika abheben. Dub-Großmeister Manjul aus Bamako lässt sein Know-How in Sachen Nyahbinghi am Percussion-Set scheinen und überrascht dann mit einem höchst solide gesungenen Tribute an Augustus Pablo auf dem „Rockfort Rock“-Riddim. Selbst Raging Fyah nötigt das Respekt ab. Das aktuelle Danakil-Album „Echos du Temps“ stecken sie gerne ein, nicht nur, weil Manjul es produziert hat und Matthew McAnuff (R.I.P.) gefeatured wird. Als Raging Fyah dann antreten, wird es eng auf der Bühne. Danakil freuen sich schon seit Tagen auf deren Show, Sebastian Sturm schiebt seine Müdigkeit einfach beiseite. Das Zelt ist gut gefüllt; obwohl Raging Fyah gerade ihre erste Europa-Tour überhaupt beenden, ist ihr Name in aller Munde. Die Moderatorin vergleicht die Gruppe eingangs mit den Wailers. Wer das für übertrieben hält, wird sogleich eines Besseren belehrt. Zu einem Zeitpunkt, an dem viele Festivalbesucher schon wieder zuhause sind, liefern sie ein absolutes Festival-Highlight, getrübt nur vom furchtbaren Sound im Zelt. Dass ihre Show bestens ankommt, obwohl der Bass überhaupt nicht spürbar ist, sagt schon alles. Um kurz nach zwei Uhr morgens heizen die Augsburger von Instant Vibes dann noch einmal richtig ein mit schnellem, Ska-infusioniertem Reggae.

Als ich dann im kalten Regen nach Hause gehe, ist es die postfestivale Depression, die mir kalt den Rücken hoch kriecht. Gemischt mit der Freude über den besten Chiemsee Reggae Summer seit langem. Und der Gewissheit, hier nicht nur richtig feiern zu können, sondern auch mal ruhiger zu treten und dabei diese unverhofft-genialen musikalischen Entdeckungen machen zu können, deretwegen Festivals ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden sind.

 
     
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