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     JEREMY COLLINGWOOD - "1. BOB MARLEY – HIS MUSICAL LEGACY / 2. BOB MARLEY & THE WAILERS - AFRICA UNITE: THE SINGLES COLLECTION" [1. Edition Olms / 2. Tuff Gong - 1. Edition Olms / 2. Universal]  
  Text von Andreas Müller  
 

Es hätte alles viel schlimmer kommen können. Eine Flut furchtbarer Festivals, banalster Bücher und schäbigster Schallplatten drohte uns. Doch rückblickend kann man nun feststellen, dass das Jahr des 60. Geburtstages von Bob Marley relativ überschaubar geblieben ist. Ein Fest in Addis, eine Handvoll CDs, ein halbes Dutzend Bücher. Mehr war nicht. Der größte Aufreger – die angeblich geplante Umbettung Marleys von Jamaika nach Äthiopien – entpuppte sich als Ente. Und so wie es aussieht, bleibt den Gebeinen die weite Reise nach Afrika auch zukünftig erspart. Sie werden weiter friedlich im Mausoleum zu Nine Miles ruhen dürfen. Kleinere Aufreger fanden sich dagegen an der Buchfront: „Rebel Music“, das sieben Kilo schwere Luxus-Buch der Fotografin Kate Simon landete Anfang 2005 donnernd auf den Tischen ausgesuchter Journalisten und provozierte nicht selten die Frage: Was soll das? Rita Marleys Biografie „No Woman No Cry“ ward so entsetzlich steif und ahnungslos ins Deutsche übertragen, das hier eigentlich ein Extrapreis für unfreiwillige Komik fällig gewesen wäre. Gleiches lässt sich über „Trench Town Sehen Und Sterben“ sagen. Das Buch der französischen Journalistin Hélène Lee versemmelte in seinem eklatanten Mangel an politischer Analyse exemplarisch ein extrem spannendes Thema und entsetzte in der deutschen Version mit sprachlichen Kollateralschäden der

Sonderklasse. Platz eins der Übersetzungspatzer-Charts dieses Werkes belegt nach wie vor die Übertragung des Begriffs „rude boys“ in den unschönen Begriff „Rohlinge“.

Kurz vor Jahresschluss wirft nun die Zürcher Edition Olms ein weiteres, dickes Bob-Marley-Buch auf den Markt: „Bob Marley – His Musical Legacy“ von Jeremy Collingwood. Und lässt die rund 200 Seiten des britischen Autors sicherheitshalber gleich unübersetzt. Was völlig in Ordnung ist, handelt es sich hier doch weniger um Literatur, als um eine mit wirklich raren Fotos prachtvoll bebilderte und akribisch kommentierte komplette Diskographie Marleys, sowie diverser Projekte, die im Dunstkreis des Tuff Gong-Imperiums entstanden sind. Collingwood besitzt eine beängstigend ausschweifende Sammlung von Marley-Tonträgern. Mit anderen Worten: Er hat alles. Inklusive diverser Dub Plates, von denen es früher immer hieß, sie hätten nie existiert. Auf diesem festen Fundament geht Collingwood daran, die Geschichte der Wailers, ihrer Musik, ihrer eigenen Plattenfirmen, der Irrungen und Wirrungen, der Verzweifelungen und späten grandiosen Siege nachzuerzählen. Und das funktioniert, weil der Mann seinem einfachen Credo folgt, das da lautet: „Finding the truth in music history is always a difficult task, but when that history is rooted in the ghettos of Kingston, such a task becomes nigh impossible. The old dictum that ‘failure is an orphan but success has many parents’ is doubtly true when the history of Bob Marley is attempted.” Hunderte Menschen hätten, so Collingwood, behauptet, mit dem großen Musiker gearbeitet zu haben. So hat er sich auf die einzigen sicheren Quellen verlassen, nämlich die Vinyl-Veröffentlichungen Marleys. Wunderbar unaufgeregt und mehr oder weniger objektiv hat er sich von Marleys erster Session für Beverley´s („Judge Not“/„Do You Still Love Me“) bis zu den letzten, posthum veröffentlichten Aufnahmen durchgearbeitet. Collingwood wahrt kritische Distanz, benennt was gut, exzeptionell oder auch nur mäßig ist. Das unterscheidet dieses Buch von eigentlich jedem mir bekannten Werk über Marleys musikalischen Output. Im Anhang werden sämtliche Singles und LPs inklusive diverser Nachpressungen (was insbesondere für den Studio 1-Sammler von Interesse ist) aufgeführt. Als Bonus listet Collingwood alle, ja, wirklich alle Tourneen der Wailers von den Anfängen bis zum letzten Gig in Pittsburgh auf. Wer jetzt vielleicht mit dem Sammeln originaler Wailers-Platten beginnt, wird bei der Lektüre dieses Buches wahrscheinlich heftige Schmerzen erleiden, denn das musikalische Vermächtnis Marleys wird vom Autor detailliert bebildert, d.h. all die ultra-raren Label und coloured Vinyl-Pressungen sind hier zu sehen. Wer die Preise für „Wail ´N Soul´M“-Platten kennt, bekommt eine Ahnung davon, was Collingwood über die Jahre an Werten zusammengestoppelt hat. Für Anfänger eignet sich der parallel zum Buch veröffentlichte Sampler „Africa Unite“, der am meisten Sinn in seiner limitierten Doppel-CD-Version hat, denn dort findet sich neben den bekannten Island-Singles ein kleiner Ausschnitt aus den Independent-Produktionen der Wailers. Für Auskenner ist das zwar wenig interessant, dafür klangen alte „Wail ´N Soul´M“-Tracks noch nie so frisch wie auf „Africa Unite“. Ärgerlich an dieser Platte ist allerdings das sogenannte neue, von Stephen und Damian Marley aus einem rudimentären Demo-Tape von 1979 gebastelte und mit einem Gitarrensolo Eric Claptons versehene Stück „Slogans“. Da findet sie dann nämlich doch wieder statt, die befürchtete Leichenfledderei.

 
     
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  Ras Afro - philip.kruse-1993@web.de[www.myspace.com/ras_afro]
das is überwältigend, dass jeremy collin... mehr
 
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Text von Andreas Müller

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 01/2006

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