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     Michael Turner und Robert Schoenfeld - "ROOTS KNOTTY ROOTS" [Nighthawk Records - www.nghthwk.com]  
  Text von Markus Coester  
 

ROOTS KNOTTY ROOTS
The Discograpy of Jamaican Music, 2. Auflage, Buch (545 S.) / CD Rom für Windows.
Michael Turner und Robert Schoenfeld
(www.nghthwk.com)

Ist es vorstellbar, wieviel Zeit und Akribie nötig ist, Titel, Interpreten, Labelnamen, Produzenten und Matrix-Nummern von über 38.000 jamaikanischen Single-Veröffentlichungen zusammenzutragen und in ein systematisches Format zu zwingen? Michael Turner und Robert Schoenfeld von Nighthawk Records in den USA hatten die irrwitzige Idee wohl schon vor etwas längerer Zeit, und kürzlich erschien die zweite Auflage der Reggae-Diskographie „Roots Knotty Roots“, die die beiden Label-Betreiber und Plattensammler in drei Jahrzehnte langer Feinarbeit kompiliert haben.
Die Diskographie setzt sich den zeitlichen Rahmen zwischen 1950 und 1985. Stilistisch beschränkt sie sich nicht auf die weltweit bekannten Musiken Ska, Rocksteady und Reggae (schon dies wäre ein gewaltiges Unterfangen), sondern umfasst auch Veröffentlichungen andere Stile wie Mento, R&B und christlicher Musik, die eine wichtige Rolle in der Entwicklung der populären Musik Jamaikas gespielt haben, bisher jedoch meistens unerwähnt blieben. RKR bietet außerdem einen kurzen Überblick zu wichtigen Ereignissen der Musikgeschichte des Landes, den ersten Versuch, eine Liste der individuellen Mitglieder der zahlreichen Vokalgruppen zu erstellen und eine Auflistung von Künstlerpseudonymen, die die Suche nach den wirklichen Interpreten so mancher Produktion vereinfacht.
Neben dem gut gestalteten, knapp 550 Din-A4 Seiten dicken Druckwerk ist RKR auch in physisch weniger mächtiger Form als Datenbank auf CD-Rom erhältlich. Inhaltlich ist die elektronische Version keineswegs weniger gewichtig und bietet ungeahnte Möglichkeiten, die Untiefen der jamaikanischen Schallplattengeschichte zu erkunden. Die Vorzüge des elektronischen Formats lassen sich schnell ausmachen: Die Datenbank ist nur etwas mehr als halb so teuer wie das Buch (beim Preis von 94 US$ für letzteres kein schwaches Argument) und im Gegensatz zum Buch, das Künstler und Künstlerinnen alphabetisch listet, mit Hilfe einer Suchfunktion nach den einzelnen Kategorien, wie Label, Produzent etc. zu durchforsten. So wird ein rasanter und selbstständig organisierbarer Zugriff auf die größte Datenbank zu jamaikanischer Populärmusik möglich, die je zusammengestellt wurde.
Mit über 38.000 gelisteten Titeln leistet die Diskographie einen großen Schritt in Richtung einer Bestandsaufnahme der gesamten Schallplattenproduktion Jamaikas bis Mitte der 80er Jahre. Dass hierbei Fehler passieren ist nachvollziehbar. Zwar weist insbesondere die frühe Musikproduktion der 50er Jahre deutliche Lücken auf (einem Teil dieses undokumentierten Kapitels moderner jamaikanischer Musik habe ich mich an anderer Stelle angenähert, vgl. Riddim 03/03 „Mento“), doch kann durch Aufrufen z.B. der damaligen Top-Labels Caribou, Chin‘s oder MRS durchaus ein Eindruck der frühen Aufnahme-Aktivitäten vermittelt werden. Sehr begeistert mich die Suchfunktion nach Labels und Produzenten - solche jetzt ganz einfach abrufbaren Zuordnungen bringen massenhaft neue Perspektiven auf ein altes Thema. Oder einfach nur eine Idee vom Output der Labels zu bekommen, in welchen Jahren sie wieviel Schallplatten herausbrachten, welche Produzenten für sie arbeiteten und mit welchen Künstlern ... Genaue Jahreszahlen bleiben nach wie vor das große Fragezeichen bei vielen Produktionen, vor allem wenn bestimmte Aufnahmen mehrfach und auf verschiedenen Labels herausgebracht wurden. Schon die schiere Masse an Material lässt Unstimmigkeiten und Fehler zu, und die zu korrigieren sollte jetzt uns alle angehen.
Denn die Herausgeber verstehen RKR als „ongoing project“ und legen großen Wert darauf, Anregungen und Korrekturen kenntnisreicher Benutzer in nachfolgende Auflagen aufzunehmen. Regelmäßige Updates der so korrigierten und ergänzten elektronischen Version sind über die RKR-Homepage (www.nghthwk.com) möglich - ohne zusätzliche Kosten. Inzwischen gibt es bereits das dritte Update, das jetzt 42.000 Titel führt. Nächstes Jahr ist eine Version 2.0. der Datenbank geplant, die allen CD-Rom-Besitzern dann ebenfalls ohne weitere Kosten zur Verfügung gestellt wird. Die Datenbank ist relativ einfach individuell ergänzbar und bietet zudem Platz für die Platten der eigenen Sammlung. RKR ist also auch für alle interessant, die schon immer mal ihre eigenen Bestände auflisten wollten, denen aber ein gutes Format gefehlt hat.
RKR ist das bis jetzt umfassendste und weitgreifendste diskographische Projekt zur Musik Jamaikas. Die Diskographie eignet sich grundsätzlich für alle, die mehr wissen wollen über Einzelheiten, Besonderheiten und vor allem die schier endlos erscheinenden Rätsel der Produktionsgeschichte jamaikanischer Musik. Trotz des Preises ist RKR meiner Meinung nach für alle, die mit jamaikanischer Musik zu tun haben, unentbehrlich. Aber nicht nur für plattenverrückte Sammler, Journalisten oder Forscher ist der Besitz dieses monströsen Nachschlagewerks lohnenswert. Es wird einfacher oder sogar erst möglich, den Überblick auf dem wieder erstarkten, aber unübersichtlichen Reissue-Markt für jamaikanische Musik der 60 und 70er Jahre zu behalten.
Jamaika brachte eine der produktivsten und kreativsten Musikkulturen des 20. Jh. Hervor, deren Umfang, nun endlich beigekommen werden kann. RKR mit seinem interaktiven Konzept könnte und sollte jetzt zur Schnittstelle eines gemeinsamen Bemühens werden, die Tiefenschärfe des bereits gut sichtbaren Bildes der „verzwickten Wurzeln“ jamaikanischer Musik zu verbessern.

 
     
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Text von Markus Coester

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 05/03

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