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     Dubrevolution  
  Text von René Wynands  
 

FENINGrounded(Shitkatapult/Kompakt/Alive)Dub ist in vielen Styles zu Hause. Nach seiner Wiederauferstehung als Steppers-Variante in den 90er Jahren, hat das Dub-Virus viele Mutationen durchgemacht und die unterschiedlichsten Musikstile der Reihe nach infiziert. Besonders gut gefällt mir in letzter Zeit eine typisch deutsche Variante, die sich in Minimal-Techno und –House-Stücken einnistet, deren ohnehin sehr anfälligen Shuffle-Rhythmen einige Offbeats hinzuaddiert und gelegentlich die Echo-Kammer einschaltet. Einer der Meister dieser Techno-affilierten Dubs ist Lars Fenin. Inspiriert von Adrian Sherwood und Audio Active (aber auch Burning Spear)-Konzerten wandte er sich Mitte der 90er Jahre dem Reggae zu. Sein Umzug von Hamburg nach Berlin platzierte ihn mitten in die Hauptstadt elektronischer Musik, was nicht ohne Folgen blieb. Und so begann Fenin 1999 mit der Produktion warm groovender, deutlich technoid angehauchter Dub-Tunes. In den Jahren danach sind eine ganze Reihe 12“ und EPs auf Labels wie Meteosound, Hör Zu und Shitkatapult erschienen – doch sein Debut-Album blieb er bis jetzt schuldig. Hier ist es nun: Grounded. Es spannt das ganze Spektrum seiner Kunst auf, vom Techno-Hardliner „Konstrukt“ über Kompakt-kompatibles wie „Stony Road“ bis hin zu Reggae-Songs reinsten Wassers, wie „No C.I.A.“ oder „Thrill“. Das alles passt wunderbar zusammen und es findet sich nicht ein schwaches Stück darunter. Feinsinnig vertrackte und doch dynamisch fließende Rhythms prägen jeden einzelnen Tune. Damit bietet Fenin genau das, wofür ich Dub liebe: Musik, die dem aufmerksam-analytischen Zuhören standhält und zugleich eine starke emotionale und körperliche Wirkung hat. In Fenins Dub-Verständnis steckt daher eine Menge Potential - was im Übrigen auch für andere Protagonisten dieser Szene, wie z. B. für das großartige Label Meteosound, gleichermaßen gilt. Und das meine ich natürlich keineswegs nur in Hinsicht auf Dub und Reggae – sondern vor allem in Hinsicht auf die elektronische Musik Made in Germany. In das gleiche Spannungsfeld zwischen Reggae und Techno gehört auch das neue Werk des Kanadiers Deadbeat (aka Scott Monteith): „New World Observer“ (~scape/Indigo). Allerdings treten hier die Offbeats und die repetetiven Minimal-Beats etwas hinter die breit angelegte Ambient-Atmosphäre zurück. Dabei sind die Rhythmen nicht weniger elegant konstruiert als bei Fenin, es ist lediglich die Dynamik, die hier weitgehend der Fläche Platz macht und den Stücken damit zum Teil den Groove nimmt. Scape-typisch sind bei Deadbeats Stücken nicht nur die Beats vertrackt, sondern der ganze Track. Das bietet der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit natürlich mehr Raum, und so erstaunt es nicht, dass der Pressetext „New World Observer“ eine politische Aussage unterstellt – die sich bei einem Dub-Album naturgemäß nur über die Betitelung (z. B. „Abu Ghraib“ oder „Texas Tea“) und ggf. Vocal-Samples ausdrücken lässt. Die Frage, die sich hier aufdrängt ist ja, ob sich die Symbolkraft von Reggae (und damit Dub) als Widerstandsmusik so einfach vereinnahmen lässt. Ich bin mir da nicht sicher, weil Dub auf einem sehr formalistischen Verständnis von Musik beruht. Dub ist entstanden, indem einem Musikstück am Mischpult die Text-Aussage entzogen und durch eine rein ästhetische Neuinterpretation ersetzt wurde. Zeitgenössischer Dub entsteht bekanntlich sogar gänzlich ohne vorhergehende Vocal-Version. Dub ist abstrakte Musik, größtenteils besitzt er nicht einmal eine erinnerbare, und somit „figurative“ Melodie. Und genau hierhin passt der Klang-Kosmos von Deadbeat: in die große Abstraktion synthetischer Beats und komplexer Komposition.Kurz erwähnt sei hier ein weiteres Crossover-Album, das sich aber noch viel konsequenter zwischen die Stühle setzt als Fenin oder Deadbeat: „Sports“ (Stadler & Waldorf/Alive) von den beiden Dänen Rasmus Möbius und Anders Christophersen aka Melk. Sie haben ihr Album aufgeteilt in Dub- und Hip Hop-Stücken, die einander abwechseln. Das passt erstaunlich gut zusammen, weil auch die Dubs von deutlichen Breakbeats geprägt sind – ohne dass sie dadurch ihre Wärme verlieren.

Mein heimlicher Favorit ist eine Platte aus Polen, über die ich kaum etwas herausfinden konnte, da sowohl das Booklet als auch die Website auf Polnisch verfasst wurden. Wie gut, dass Musik eine universale Sprache ist, denn was es zu hören gibt, lässt sich leicht beschreiben: Bhangra, Quawwala, Drum ‚n’ Bass, Arabesque und Asian Underground vereint unter dem allumfassenden Prinzip von Dub. Der Titel des Albums lautet daher auch folgerichtig „Masala“ (Home Appliance/Imp.) – der Name einer indischen Gewürzmischung. Einer ziemlich scharfen Gewürzmischung zudem, was deutlich macht, dass wir es auf dem Album nicht mit sphärischen Sitar-Klängen zu tun haben, sondern mit einem hochenergetischen Mix exotischer Dance-Beats, wobei der Reggae-Offbeat das Chaos stets mit ruhiger Hand ordnet. Der Vergleich zu Asian Dub Foundation drängt sich hier auf, wobei ADF aggressiver zur Sache gehen und sich zugunsten von Dub und Drum ‚n’ Bass weiter von den originalen Ethnos-Sounds entfernen. Das Masala Soundsystem hingegen hat seine Stücke in Afghanistan, Irak, Pakistan und Polen aufgenommen und legt daher viel mehr Wert auf die authentische Musik dieser Kulturen. Diese wird dann auch keineswegs eklektizistisch untergesamplet und als bloßes Klang-Zitat vereinnahmt, sondern sie trägt die Stücke wesentlich und gibt jedem seine unverwechselbare Identität. Sehr faszinierend! (Zu beziehen ist das Album bei Irie Records in Münster).

Wer sich für Worldmusic interessiert, der kommt an dem World Music Network-Label von Phil Stanton nicht vorbei. Vor allem die „Rough Guide“-Serie hat einen hohen Bekanntheitsgrad. Nachdem vor einigen Jahren bereits der „Rough Guide To Reggae“ erschienen ist, liegt jetzt, ganz frisch, der „Rough Guide To Dub“ (World Music Network) vor. Beide Sampler wurden von Reggae-Historiker und Blood & Fire-Mitbetreiber Steve Barrow zusammengestellt. Allerdings hat dieser sich beim Guide zum Dub mit nur einer Ausnahme auf Titel aus dem Blood & Fire-Katalog beschränkt, was auch erklärt, warum der Guide nicht über die 1970er Jahre hinaus kommt. Allein 10 der 20 Tracks wurden von King Tubby gemischt. Den Rest teilen sich Prince Jammy, Errol Thompson, Lee Perry und Joe Joe Hookim. Damit wären die wichtigsten jamaikanischen Meister – mit Ausnahme von Scientist - alle versammelt, der jamaikanische Dub also aufs vortrefflichste repräsentiert und ein ästhetisch sehr befriedigendes Album geschaffen. Doch was nützt ein Guide, wenn er auf halbem Wege schlappt macht?Aus dem Hause Echo Beach kommt das neue, dritte Album von Noiseshaper: „Rough Out There“ (Echo Beach/Indigo). Anders als bei ihren vorangegangenen Alben, setzen die Berliner hier konsequent auf Vocal-Unterstützung, vornehmlich von Juggla, der hier eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit beweist. Von sanften Singer-Melodien über Dancehall-Dejaying bis hin zu einer verblüffenden Tiger-Imitation. Die Beats dahinter sind unverwechselbar Noiseshaper-Dub: Sanft, relaxed, warm fließend, auch wenn sich gelegentlich mal ein etwas härterer Steppers-Rhythmus zu Wort meldet. Das eigentlich Faszinierende an Noiseshaper ist aber, dass ihre Dub-Tunes stets durchkomponierte Songs in sehr überlegtem und eigenständigem Arrangement sind. Nicht selten begnügt sich ein Dub-Artist mit einer Idee, die er geringfügig variiert auf Albumlänge streckt. Noiseshaper spielen definitiv in einer anderen Liga. Auch wenn sie dadurch in die Nähe von Pop geraten – doch was ist schlecht daran?Und zum Abschluss ein richtig schönes Revival-Album: Dub Roots (Wackies/Indigo) von Prince Douglas. Ursprünglich in den frühen 80ern erschienen, gehörte das Album zu den ultrararen Wackies-Sammlerstücken (das kürzlich in einer Internetauktion für über 200 Dollar verkauft wurde). Mag sein, dass sich der Käufer über den Rerelease richtig ärgern wird, alle übrigen Liebhaber guter Reggae-Musik werden sich zweifellos sehr freuen, denn Dub Roots ist eines der schönsten Dub-Alben des Labels. Auch wenn es mixtechnisch eher zurückhaltend ist, so sind die Rhythms schlichtweg atemberaubend. In angenehm entspanntem Tempo rollen die melodiösen Basslines durch wunderbar „warme“ Wackies-Tunes voller Atmosphäre. Angeblich sind die Stücke Kopien von Rhythms, die Sly und Robbie aus Jamaika mitgebracht hatten. Einer der schönsten Tunes, „March Down Babylon“ ist jedenfalls definitiv eine Kopie von Steel Pulse’ „Handsworth Revolution“, mit Bullwackie himself am Mikrophon.

 
     
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Text von René Wynands

Dieser Artikel erschien in RIDDIM 04/05

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